Der Bericht stammt von Alexandra Knieling. Sie besuchte die Projekte Arundaya Poirada vom 16.09.2003 bis 05.11.2003 und Mithra Foundation vom 06.11.2003 bis 06.12.2003.

Erfahrungsbericht über die geförderten Projekte in Indien 2003/2004


Als ich mich entschloss, eine Reise nach Indien zu unternehmen, hatte ich nur eine vage Vorstellung von dem, was ich dort vorfinden würde. Freudig, erwartungsvoll und mit ein wenig Angst stieg ich in das Flugzeug ein, das mich nach Bangalore bringen sollte. Als ich aus dem Flughafengebäude herauskam, traf ich Bella Rosario, die verabredungsgemäss mit einem Blatt in der Hand, auf dem mein Name stand, auf mich wartete. Sie bezahlte einen Rikschafahrer, der uns zu meinem Zimmer bringen sollte. Obwohl ich müde war, konnten meine Augen nicht anders, als so weit wie möglich geöffnet zu bleiben, auf jede Kleinigkeit zu starren, zu staunen und die Verwirrtheit, die bei mir schon da war noch mehr zu steigern. Ich war in einer völlig anderen Welt, im Strassenverkehr kamen verschiedene Vehikel zusammen, ein alter, kleiner Mann schob energisch seine Gemüsekarre, einige Kühe spazierten gelassen über die Strasse, Unmengen von Fussgängern, Fahrradfahrern, überfüllten Bussen und Motorrädern, die dem ganzen Bild einen Staubhintergrund erteilten. Die Stadt mit ihren verstrickten Strassen und engen Gassen, die durch den am Rande liegenden Müll noch enger wurden, zeigte sich grau, verwirrend und hektisch, ein Riesenmarkt.

I. Hospet - Arunodaya Poirada

Nach drei Tagen ging meine Reise weiter nach Hospet, wo ich vom 16.09.03 bis zum 05.11.03 die Tätigkeiten von Arunodaya Poirada ( Aufgehende Sonne ) unter der Leitung von der Ordensschwester Mary Mathew beobachtet habe. Ich war von Anfang an von Mary`s starker Persönlichkeit beeindruckt. Trotz der untergeordneten Stellung von Frauen in Indien, traf ich hier eine selbstbewusste Frau, die ihre ganze Person in den Dienst für die Armen und Schwachen stellt und diese zur Verantwortung in allen Lebensbereichen motiviert. Die Aktivität von Arunodaya Poirada erstreckt sich hauptsächlich auf die Bereiche Erziehung und Gesundheit.


Eines der wichtigsten Projekte in Bereich der Erziehung stellt die im Juni 1996 gegründete Schule dar, die St. Mary`s School, wo z. Z. 285 Schüler von 9 qualifizierten Lehrerinnen bis zum 6. Schuljahr unterrichtet werden. Die Schule befindet sich mit 8 Klassenzimmern im Projekthaus von Arunodaya. Die Schüler sitzen auf dem Boden, ihr Schulmaterial besteht aus Büchern, Heften, Tafeln und Bleistiften. Der Unterricht fängt um 10 Uhr morgens an, mit einer Generalversammlung im Schulhof, bei der ein Gebet gesprochen wird und einige Konzentrationsübungen durchgeführt werden, und endet um 16.30 Uhr. Kulturelle Aktivitäten wie Schulfeste an wichtigen Feiertagen - z.B. Gandhi`s Geburtsfeiertag: 2. Okt., Karnataka Day - oder Schulwettbewerbe z. B. im Malen zum Thema Umwelt werden von den Lehrern gerne unternommen. An regelmässigen Treffen mit den Eltern werden diese über die Schulerziehung ihrer Kinder informiert und ermutigt, ihr die Bedeutung beizumessen, die ihr zusteht. So ist die Perspektive für die meisten Schulabgänger die, dass sie eine weiterführende Schule in Hospet besuchen, die wenigsten brechen ab, um im Familienhaushalt zu arbeiten. Etwa zehn Kinder im Alter von 4 bis 11 Jahren bleiben im Haus über Nacht, bekommen hier Essen und Kleider und erleben eine sehr familiäre Atmosphäre. Neben der Grundschule wird auf dem Gelände von Arunodaya auch ein Kindergarten betrieben, Hausaufgabenbetreuung wird abends angeboten und eine Schneiderausbildung für Mädchen, die keine Schulausbildung haben.


In dem Bereich Gesundheit gibt es verschiedene Programme, die von Arunodaya Poirada unternommen werden (medizinische Aufklärungsarbeit, AIDS Prävention, Familienplanng, Hygiene und Umweltentwicklung wären einige Stichworte), ich werde mich aber in diesem Be-richt auf das Programm "Psychische Gesundheit" beschränken, da dieses die zentrale Rolle für die Zeit meines Aufenthaltes in Hospet gespielt hat. Dieses Programm soll beide Distrikte Bellary und Koppal abdecken und erfolgt in Zusammenarbeit mit anderen Nichtregierungsor-ganisationen (MTRDT - Mother Theresa Rural Development Trust, eine Frauenorganisation bestehend aus 25 Gruppen, je 10-15 Mitgliedern, die Salesianer Don Boscos in Hosper und SEEDT - Social Education and Economical Development Trust). Einige Zahlen, laut Aussage des Psychiaters Ajay Kumar, der seit zwei Jahren in Arunodaya Poirada tätig ist, sollen den Ernst der Situation verdeutlichen und die Notwendigkeit des Wirkens auf diesem Gebiet zeigen: 30% - 40% der Bevölkerung hat psychische Probleme, davon sind 2% psychotische Fäl-le, 50% sind nikotin- und/oder alkoholabhängig, 3 von 4 Frauen leiden an einer Depression. Ausserdem gibt es viele Menschen, die unter Stress oder ängsten leiden, Opiumabhängigkeit, Epilepsie oder durch Infektionen verursachte Krankheiten kommen auch vor. Die Ursachen der nicht genetisch oder organisch bedingten Leiden sind in der Lebensweise, in der Armut zu suchen, strenge Familienverhältnisse üben auf Jugendliche oder verheiratete Frauen Druck aus. Hier, an der Basis fängt die Arbeit von Arunodaya Poirada an. Ich habe an unzähligen Aufklärungsveranastaltungen - sei es auf Distrikt- oder Dorfebene - teilgenommen und fand immer ein interessiertes, breites Publikum, in dem alle Altersgruppen, beide Geschlechter gleich verteilt, vertreten waren. An den Festival-Tagen in Hampi ( 2 - 5.11.03 ) wurden von Arunodaya warnende Plakate und medizinische Pflanzen ausgestellt und Informationsbücher zu den Themen "Psychische Gesundheit", "Drogenabhängigkeit" und "Ayurvedische Medizin" zum Verkauf angeboten. Viele Besucher schauten sich die Ausstellung an und fanden Antworten auf ihre Fragen.


Uber die Warnung und Aufklärung hinaus bietet Arunodaya wöchentlich Beratungen an für Betroffene und Familienangehörigen, die im Projekthaus stattfinden. Alkoholiker - Selbsthilfegruppen in verschiedenen "mental-health-zentren" in der Umgebung werden erfolgreich betreut, und es finden auch sogenannte Health-care-camps statt.
Am Beispiel eines solchen Health-care-campes möchte ich aus meiner Erfahrung kurz erläutern, wie sich die Tätigkeit von Arunodaya fördernd auf die jenigen auswirkt, die diese Betreuung erfahren.


Am 28.09.03 fuhren wir ( Mary Mathew, Veeranna Apuniyma, der Arzt Ajay Kumar, zwei Sozialarbeiter und ich ), bepackt mit zwei Kisten Medikamenten durch Hitze und staubigen Landwegen etwa zwei Stunden, bis wir das Dorf Chilakahanatti ( 3000 Einw., Distr.: Bellary ) erreichten. Vor dem Zementgebäude mit drei einfachen Räumen warteten schon etwa fünfzig Patienten. Diese wurden in einem Vorschritt von der lokalen Frauenorganisation durch Fragen von Haus zu Haus "aufgefunden" und auf dieses Psychische-Gesundheit-Zentrum hingewiesen. Das Elend, in dem sie sich befanden, konnte man in ihren besorgten, bei manch einem resignierten Gesichtern lesen. Im ersten Raum wurden sie mit Name, Alter und Adresse aufgelistet, in dem zweiten führten sie ein Gespräch mit dem Arzt und erhielten schliesslich im dritten Raum die benötigte Medizin. Für diese zahlen sie 50%. Arunodaya bemüht sich für diese Aktion einen lokalen Sponsor zu finden, damit Medikamente auf jeden Fall gewährleistet werden können.
An demselben Tag habe ich auch eine SHG für Alkoholiker kennengelernt, bestehend aus 15 Männern, die die Therapie erfolgreich hinter sich gebracht hatten und mit Hoffnung und Selbstvertrauen in die Zukunft blickten.
Als zukünftiges Projekt ist in diesem Bereich geplant, ein Rehabilitationszentrum in Hospet, auf dem Dach des Krankenhauses zu errichten, wo etwa zehn Betroffene in einer ersten Phase ( Entzug ) für sieben Tagen bleiben könnten.
Für dieses Jahr ist es ein weiteres Ziel von Arunodaya, eine Schule für geistig behinderte Kinder in Hospet ( 2% der Kinder betroffen ) ins Leben zu rufen.

II. Bangalore - Mithra Foundation

Die Dauer meines Aufenthaltes in Bangalore betrug einen Monat, vom 06. 11.03 bis zum 06.12.03. Anders als in Hospet, wo ich als Beobachter einen globalen Einblick in die Organisation und Tätigkeit von Arunodaya Poirada bekommen konnte, durfte ich mich hier im Er-ziehungsbereich an der Arbeit von Mithra beteiligen.
Ich unterrichtete in der Mithra School ( 1.-4. Schuljahr ) acht Kinder im ersten Schuljahr in Mathematik, Lesen und Schreiben. Beim Erstellen von Prüfungen zusammen mit den Lehre-rinnen und durch die Bewertung der Ergebnisse erkannte ich die Schwierigkeit der Lehrkräf-te, den Schwerpunkt vom Auswendiglernen im Unterricht hin zu einer Förderung eigenstän-digen Denkens beim Kind zu bewegen. In einem Kurs für Lehrer unter der Leitung von Lo-reena de Silva aus England wurden Ideen ausgearbeitet zu einer Unterrichtsweise, in der das Kind im Zentrum steht, zum Verhältnis Lehrer - Schüler und zu einer sinnvollen Strukturie-rung der Lehrpläne. Die Umsetzung dieser in die Praxis wird jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Neben der Grundschule gibt es in elf Slumgebieten um Bangalore von Mithra eingerichtete Vorschulzentren. Diese werden von je 40 - 50 Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren besucht. Der Unterricht ( 9 - 12.30 Uhr ) wird spielerisch gestaltet, über Malen, Bewegung oder Lieder singen werden Grundkenntnisse in Farben, Zahlen, Formen vermittelt. Am Ende bekommen die Kinder ein warmes Mittagessen. Die Räume sind manchmal überfüllt, die Kinder sitzen nebeneinander auf dem Boden und nicht überall gibt es eine Wandtafel. Papier, Stifte, kleine Tafeln sind vorhanden. In denselben Räumen finden von 17.00 Uhr bis 18.30 Uhr die Abend-schulen statt, wo der mangelnde Unterricht der staatlichen Schulen ergänzt wird und Haus-aufgaben betreut werden. Mithra Foundation bietet auch eine Ausbildung zum Unterricht in Menschenrechten für High-School-Lehrer an. Ein Schulbuch wurde in Zusammenarbeit mit dem Indian Social Insitute in Bangalore herausgegeben und in Absprache mit einigen Lehrern überarbeitet und ergänzt.
Im Mithra - Trainingcenter wird eine Schneiderausbildung angeboten für Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren, die die staatliche Schule absolviert oder abgebrochen haben. Es besteht das Bestreben, eine weitere Ausbildung anzubieten für die vielen Jugendlichen, die weder Arbeit haben, noch zur Schule gehen. Da aber eine grosse Konkurrenz und Vorurteile gegenüber den Slumkindern die Arbeitsmarktverhältnisse bestimmen, bemühen sich Bella Rosario und Dr. Joe Rosario durch die Chamber of Commerce in Bangalore bzw. deren Zentrale in Mumbai um eine Zusammenarbeit mit einer industriellen Gesellschaft, die Orientierung im Bereich der Ausbildung gibt und später die Absolventen auch einstellt.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Arbeit von Arunodaya Poirada und Mithra Foudation ungeheuer wichtig ist. Sie bewirkt einen kleinen Wandel, doch für das einzelne Individuum, das diese Betreuung erfährt, einen entscheidenden Wandel.

Ich möchte einen herzlichen Dank an Hildegard und Klaus Wansleben richten, die diese Reise für mich möglich gemacht haben und mir bei den Vorbereitungen eine grosse Hilfe waren.

Die lebendigen Bilder aus Indien werden mich in meinen Alltag begleiten und mich dazu veranlassen, in dankbarer und verantwortungsvoller Haltung zu essen, zu trinken, zu studieren, überhaupt zu leben.


Ich bin hier einer Herzlichkeit begegnet, die mich erkennen liess, dass ich Mensch in einer grossen Familie bin und dass mir keine andere Wahl bleibt, als mich zu bemühen jene Menschlichkeit zu verwirklichen, die sich Brücke nennen darf.


Alexandra Knieling
Südindien, im Februar 2004