Dieser Bericht stammt Dominik Bulla zu seinem Besuch im Rahmen seines Praktikums von April bis Mai 2003. Der Text enthält einige zusätzlichen Erläuterungen. Diese sind farbig hervorgehoben und mit einer "Stecknadel" gekennzeichnet. Der erläuternde Text erscheint, wenn Sie die Maus über die Ja - genau so !Stecknadel halten.



Nach Abschluss meines Grundstudiums der Politikwissenschaft an der Universität Münster im Wintersemester 2002/2003 beschloss ich, ein Auslandspraktikum im entwicklungspolitischen Bereich zu absolvieren. Aufgrund meiner persönlichen Präferenzen sollte dieses Praktikum in Indien abgeleistet werden. Der Verein "Brücke der Menschlichkeit e.V." ermöglichte mir, eine Stelle in einer seiner Partnerorganisationen anzutreten. Dabei handelte es sich um die indische Nichtregierungsorganisation (NRO) Arunodaya Poirada, welche ihren Sitz in der Nähe von Hospet im Bundesstaat Karnataka hat. Das eigentliche Praktikum wurde im Zeitraum zwischen dem 1. April und dem 15. Mai 2003 abgeleistet. Das Aufsuchen der einzelnen Siedlungen und der direkte Kontakt mit den Bewohnern ermöglichte es mir, Einblicke in die soziale Situation vor Ort zu gewinnen. Es war mein erster direkter Kontakt mit der sogenannten "Dritten Welt" Die Schilderungen im Folgenden erheben keinen Anspruch 
auf Vollständigkeit. Sie stellen meine Erfahrungen dar,
welche ich selber nur als einen Ausschnitt aus dem Gesamtbild betrachte. . Mit diesem Bericht sollen nun meine persönlichen Erfahrungen bezüglich der sozialen Situation und Probleme sowie auch meine Einschätzung zur Vorgehensweise von Arunodoya Poirada Arunodaya Poirada wird im Folgenden mit AP abgekürzt.wiedergegeben werden.

Die Menschen, meistens handelt es sich um Farmer und Landarbeiter, leben nicht nur am Rande des Existenzminimums und sind hochgradig vom Wetter abhängigBesonders vom Regen hängt das Schicksal vieler Familien 
ab. Er ermöglicht gute Ernten und ist die Quelle für 
Trinkwasser. Bei Spitzenwerten um 40 Grad Celsius ist die Arbeit auf dem offenen Felde unerträglich.; gleichzeitig sind sie aufgrund der fehlenden Schul- und Berufsausbildung nicht in der Lage, den Lebensstandard durch besser belohnte Berufe und Tätigkeiten zu heben. Viele ihrer Kinder, die in die Schule gehen, brechen diese später ab, um auf den Feldern zu arbeiten. Sie müssen zum Unterhalt der eigenen Familie beitragen. Deshalb wird die Armut von einer Generation zur nächsten weitervererbt.

Außerdem ist die Gesundheitsvorsorge und -aufklärung in den ländlichen Gebieten sehr schwach ausgeprägt. Viele der Landbewohner verfügen über keinerlei Impfschutz. Diverse Krankheiten werden auch über unreines Trinkwasser, welches in der Regel nicht abgekocht wird, übertragen. Aufgrund der Unwissenheit, der Armut und des daraus resultierenden mangelnden Bewusstseins werden auch Arzt- und Krankenhausbesuche in Hospet aufgeschoben oder gar nicht angetreten. Der / die Kranke bleibt lieber auf der Liege vor dem Haus im Dorfe liegen, so, wie es schon immer gehandhabt wurde. Auch aufgrund der fehlenden sanitären Anlagen und einer nicht vorhanden Müllentsorgung ist die hygienische Situation bedenklich. Darunter leidet die Lebensqualität und der Gesundheitsstandard. Verschlimmert wird dies dadurch, dass auch ein Bewusstsein zur Müllvermeidung, insbesondere von Plastik und anderen unnachhaltigen Materialien, praktisch nicht existiert. Müll und Unrat liegt auf den Strassen und bleibt den Schweinen überlassen.


Viele Familien in den von mir besuchten Dorfgemeinschaften leiden auch an mangelnder Familienplanung. Oft sind die Frauen gesundheitlich schwer angeschlagenIn einem besonders schlimmen Fall konnte die Mutter eines Neugeborenen keine Muttermilch mehr produzieren. Statt dessen gab sie Blut von sich. und die Familien daher kaum noch in der Lage, die zahlreichen Kindern zu ernähren. Jedes der Kinder muss später zum Familienunterhalt beitragen, ihm wird daher nicht gestattet, eine Schule (bis zum Abschluss) zu besuchen. So schließt sich der Teufelskreis. Aufgrund dieser trostlosen Situation ist in den ländlichen Gebieten die Zahl der Alkoholabhängigen sehr groß. Besonders die Männer neigen zum AlkoholmissbrauchDies ist wohl traditionsbedingt, soll aber hier nicht weiter erläutert werden. Frauen haben anscheinend weniger Gelegenheit, an der Sucht zu erkranken., wodurch die Armut ihrer Familien noch vergrößert wird. Dabei handelt es sich nicht um den westlichen Standards entsprechenden trinkbaren Alkohol, sondern um Mixturen, die höchst bedenkliche, gesundheitsschädigende Stoffe enthalten. Besonders prekär ist, dass es grundsätzlich kaum Strukturen zur Suchtprävention und kaum Möglichkeiten zum Ausstieg aus der Abhängigkeit für Alkoholkranke gibt.

Das ist die Situation vor Ort mit all ihren Problemen, wie ich sie erfahren habe. Auch wenn der indische Staat Programme startet, um die soziale Situation zu verbessern, ist er allein mit dieser Aufgabe überlastet. Immerhin muss bedacht werden, dass die Zahl der unterhalb der Armutsgrenze Lebenden auf diesem Subkontinent auf über 200 Millionen geschätzt wird. Die Menschen bedürfen immer noch im großen Maße Unterstützung und Hilfen aus dem nichtstaatlichen Sektor, wie auch aus dem Ausland. Solche zwingend notwendigen Hilfsmaßnahmen werden von AP geleistet.

Im Folgenden soll AP und ihre Arbeit behandelt werden. Obwohl es die eigentliche Absicht von AP ist, die ökonomischen und sozialen Probleme und Schieflagen in Angriff zu nehmen, lassen sich die Tätigkeiten und Aufgabenfelder nicht auf einen Bereich beschränken, sondern erstrecken sich über Gesundheitsaufklärung, Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs, über die Umwelterziehung und die Gründung von Kleinunternehmen bis hin zum Unterhalt einer Vielzahl an Schulen. Darüber hinaus ist AP in diversen entwicklungspolitischen Netzwerken aktiv. Teilweise ergänzen und unterstützen sich die verschiedenen Projekte. Im Mittelpunkt dieses Berichtes sollen nur jene Projekte stehen, an denen ich konkret partizipiert habe. Doch war es eigentlich nur der Schulbetrieb, in dem ich nicht eingesetzt werden konnte, da zur Zeit des Praktikums aufgrund der Sommerferien kein Unterricht stattfand.

Zentrales Element der Projekte bildet die konkrete Arbeit vor Ort. AP hat das Konzept, die Menschen in ihrer Umgebung aufzusuchen, um so einen besseren Kontakt zu ermöglichen und den Suchenden eine größere Hilfe sein zu können. Zur Zeit ist AP in insgesamt 28 Dörfern aktiv. Die Betreuung der Dörfer erfolgt durch Projektmanager, die durch in den Dörfern ansässige Sozialarbeiter unterstützt werden. Der Projektmanager sucht die einzelnen Dörfer auf und versucht auf Dorfversammlungen, den Bewohnern sein Anliegen zu erläutern. Ziel ist immer die freiwillige Mitarbeit. Die von AP geförderten Projekte befassen sich mit der Gesundheitsversorgung und -aufklärung. Hier ist besonders das sogenannte RCH-ProgrammRCH steht für "Reproductive Child Health" zu nennen. Dieses Programm beschäftigt sich mit Aids?Prävention und Familienplanung. Ziel ist es, die weitere Verbreitung von

AIDS einzudämmen, sowie über Fragen der Familienplanung zu informieren.

Ziel des Programms ISMHIndian System of Medicine and Health ist es, die Landbewohner medizinisch zu betreuen. Aus diesem Grunde wird auch mit diversen Medizinern und Hospitälern der Gegend kooperiert. Das gilt auch für das von AP unterhaltene Zentrum für Alkoholiker ? eine Reaktion auf die rasch steigende Zahl von Alkoholkranken. In dem Zentrum wird die stationäre Entgiftung vorgenommen, dabei kommen auch traditionelle Methoden wie zum Beispiel Yoga zum Einsatz. Die Menschen werden medizinisch überwacht und versorgt. Durch SelbsthilfegruppenIm Folgenden wird Selbsthilfegruppe mit SHG abgekürzt sollen die Entwöhnten wieder in einen Alltag ohne Alkohol eingeführt werden. Die Teilnehmer der SHG kooperieren wirtschaftlich untereinander. Das Geld, das nicht mehr für die Suchtbefriedigung verwendet wird, kann gemeinsam verwaltet und nach gemeinsamer Beratung in wirtschaftliche Unternehmungen investiert werden. Somit erzielt man einen doppelten Nutzen für die Familien der nun trockenen Suchtkranken.

Außerdem ist es ein Anliegen von AP, den Dorfbewohnern ein Bewusstsein zu vermitteln, ihre Bedürfnisse und Rechte gegenüber dem Staat und der Gesellschaft zu artikulieren. Nur so kann auch längerfristig eine gesicherte Berücksichtigung der Bedürfnisse der ländlichen Gemeinschaften bei den politischen Entscheidungsprozessen, zumindest auf kommunaler Ebene, erzielt werden. Doch bedarf es noch viel Arbeit zu solch einer wirklich starken Interessenvertretung.

Zusätzlich werden die AP-Mitarbeiter, welche die Ortschaften aufsuchen, bei allen möglichen (alltäglichen) Problemen und Fragen von den Bewohnern zu Rate gezogen. So wird ihnen beispielsweise der Umgang mit Brunnen, Wassertanks, -pumpen sowie Trinkwasser näher gebracht. Infektionsherde diverser KrankheitenHier sind beispielsweise Cholera, Polio, Hepatitis zu nennen beseitigt man damit ? auch dies ein wichtiges Stück Aufklärungsarbeit. AP unterstützt die Gründung von Frauen-SHGs. Ziel soll es sein, Kleinunternehmen diverser Art zu gründen, um auch auf dem Lande eine wirtschaftliche Zukunft zu finden und damit die Wirtschaftsmigration in die Städte zu unterbinden. Die Frauen werden motiviert, Geld zu sparen, um die Zinsen zu reinvestieren. AP steht dabei den SHGs immer beratend zur Seite. Abschließend möchte ich noch auf die Schulen hinweisen, in denen ich nicht zum Einsatz kam. Ich möchte diesen Bereich hier nicht auslassen, um das von AP betriebene Spektrum vollständig zu behandeln. In diesen Schulen werden die Kinder der Landbewohner unterrichtet. Außerdem werden ihnen diverse Handwerksausbildungen angeboten, um so ihre Qualifikationen zu erhöhen. Besonders der Schulbetrieb wird auch durch Patenschaften von Europäern finanziert.

Im Rahmen dieses Praktikums wurde mir bewusst, dass eine sozial ausgewogene und gerechte Entwicklung in Indien im großen Maße von den zivilgesellschaftlichen Akteuren wie eben AP abhängt. Die Indikatoren sind eine mangelnde Gesundheitsversorgung der Dörfer, eine kaum vorhandene Schulausbildung insbesondere für die Kinder der Armen und Unterprivilegierten. Der Staat ist mit seinen Körperschaften überfordert. Allein kann er die sozialen Probleme der Unterentwicklung nicht lösen. Das ist ein Grund, warum der indische Staat bereits Kooperationen mit NROs wie eben AP sucht und unterhält. Nicht zu vergessen ist, dass Organisationen wie AP über ein großes Wissen bezüglich der lokalen Probleme und Schwierigkeiten verfügen und dies im Folgenden auch den staatlichen Stellen vermitteln können.

Sie fungieren sozusagen in gewisser Form auch als Vertretung der ländlichen Bevölkerung. Dies gilt besonders für die Netzwerke in denen sich die NROs - auch AP - zusammengeschlossen haben. Aus diesem ganzen oben genannten Bündel an Gründen sind die zivilgesellschaftlichen Akteure so wichtig für eine ökologisch nachhaltige, sozial ausgewogene Entwicklung. Meiner Überzeugung nach wird es noch auf unabsehbare Zeit so bleiben. Eine Unterstützung solcher zivilgesellschaftlicher Organisationen und Verbunde ist folglich geradezu essentiell für die weitere Zukunft von Entwicklungs- aber auch von Schwellenländern wie Indien. Erschwert wird ihr Agieren auch dadurch, dass in der indischen Gesellschaft nicht unbedingt von einer breiten Bereitschaft gesprochen werden kann, den Armen und Ärmsten zu helfen. Das macht indische NROs wie eben AP und sonstige zivilgesellschaftlichen Akteure noch stärker abhängig von ausländischen Spenden und sonstigen Zuwendungen.

Mary Mathew, Leiterin von Arunodaya Poirada, hat durch die finanzielle Unterstützung des Vereins "Brücke der Menschlichkeit" dieses Projekt in den vergangenen 10 Jahren aufbauen können. Mit ihrer strengen, mütterlichen Art, konnte sie in den vielen Jahren insbesondere Kindern helfen, vor Krankheiten und Missbrauch bewahrt zu bleiben und eine Berufsausbildung zu bekommen.

Abschließend möchte ich all den indischen Kollegen für ihre Bereitschaft danken, die sich so hervorragend um mich gekümmert haben. Es war wirklich erstaunlich, mit was für einer Gastfreundschaft und Herzlichkeit ich empfangen und während des Aufenthaltes behandelt wurde. Geduldig wurde ich in die neuen Lebensbedingungen, die ich dort vorgefunden habe, und auch in die neue Arbeit eingeführt und integriert. Außerdem wurde mir bereitwillig alles erklärt, was ich wissen musste und alles beantwortet, was ich zu erfahren wünschte. Es war immer sehr schwer mit den Einheimischen, welche in der Regel kein Englisch sprechen, zu kommunizieren. Es wäre wohl nie der gute Kontakt zu den Menschen zustande gekommen, wenn nicht die Mitarbeiter auch noch für mich als Dolmetscher fungiert hätten. Und das alles von studierten Sozialarbeitern, die im Monat rund 60 Euro verdienen. Ein Gehalt, das für eine ganze Familie reichen muss, etwas, das sich in Europa kaum jemand vorstellen kann.

Zu guter Letzt möchte ich mich auch für die absolut schmackhaften Mahlzeiten bedanken, in denen mir die beste Freundin der Inder vorgestellt wurde und ich ihren feurigen Auftritt auch zu schätzen lernte: Die Chili-Schote.

Dominik Bulla

 

Indische Götterfiguren