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Nach Abschluss meines Grundstudiums der Politikwissenschaft
an der Universität Münster im Wintersemester 2002/2003 beschloss
ich, ein Auslandspraktikum im entwicklungspolitischen Bereich zu absolvieren.
Aufgrund meiner persönlichen Präferenzen sollte dieses Praktikum
in Indien abgeleistet werden. Der Verein "Brücke der Menschlichkeit
e.V." ermöglichte mir, eine Stelle in einer seiner Partnerorganisationen
anzutreten. Dabei handelte es sich um die indische Nichtregierungsorganisation
(NRO) Arunodaya Poirada, welche ihren Sitz in der Nähe von Hospet
im Bundesstaat Karnataka hat. Das eigentliche Praktikum wurde im Zeitraum
zwischen dem 1. April und dem 15. Mai 2003 abgeleistet. Das Aufsuchen
der einzelnen Siedlungen und der direkte Kontakt mit den Bewohnern ermöglichte
es mir, Einblicke in die soziale Situation vor Ort zu gewinnen. Es war
mein erster direkter Kontakt mit der sogenannten "Dritten
Welt"
. Mit diesem Bericht sollen nun meine persönlichen Erfahrungen bezüglich
der sozialen Situation und Probleme sowie auch meine Einschätzung
zur Vorgehensweise von Arunodoya Poirada
wiedergegeben
werden.
Die Menschen, meistens handelt es sich um Farmer und
Landarbeiter, leben nicht nur am Rande des Existenzminimums und sind hochgradig
vom Wetter abhängig ;
gleichzeitig sind sie aufgrund der fehlenden Schul- und Berufsausbildung
nicht in der Lage, den Lebensstandard durch besser belohnte Berufe und
Tätigkeiten zu heben. Viele ihrer Kinder, die in die Schule gehen,
brechen diese später ab, um auf den Feldern zu arbeiten. Sie müssen
zum Unterhalt der eigenen Familie beitragen. Deshalb wird die Armut von
einer Generation zur nächsten weitervererbt.
Außerdem ist die Gesundheitsvorsorge und -aufklärung
in den ländlichen Gebieten sehr schwach ausgeprägt. Viele der
Landbewohner verfügen über keinerlei Impfschutz. Diverse Krankheiten
werden auch über unreines Trinkwasser, welches in der Regel nicht
abgekocht wird, übertragen. Aufgrund der Unwissenheit, der Armut
und des daraus resultierenden mangelnden Bewusstseins werden auch Arzt-
und Krankenhausbesuche in Hospet aufgeschoben oder gar nicht angetreten.
Der / die Kranke bleibt lieber auf der Liege vor dem Haus im Dorfe liegen,
so, wie es schon immer gehandhabt wurde. Auch aufgrund der fehlenden sanitären
Anlagen und einer nicht vorhanden Müllentsorgung ist die hygienische
Situation bedenklich. Darunter leidet die Lebensqualität und der
Gesundheitsstandard. Verschlimmert wird dies dadurch, dass auch ein Bewusstsein
zur Müllvermeidung, insbesondere von Plastik und anderen unnachhaltigen
Materialien, praktisch nicht existiert. Müll und Unrat liegt auf
den Strassen und bleibt den Schweinen überlassen.
Viele Familien in den von mir besuchten Dorfgemeinschaften leiden auch
an mangelnder Familienplanung. Oft sind die Frauen gesundheitlich schwer
angeschlagen
und die Familien daher kaum noch in der Lage, die zahlreichen Kindern
zu ernähren. Jedes der Kinder muss später zum Familienunterhalt
beitragen, ihm wird daher nicht gestattet, eine Schule (bis zum Abschluss)
zu besuchen. So schließt sich der Teufelskreis. Aufgrund dieser
trostlosen Situation ist in den ländlichen Gebieten die Zahl der
Alkoholabhängigen sehr groß. Besonders die Männer neigen
zum Alkoholmissbrauch ,
wodurch die Armut ihrer Familien noch vergrößert wird. Dabei
handelt es sich nicht um den westlichen Standards entsprechenden trinkbaren
Alkohol, sondern um Mixturen, die höchst bedenkliche, gesundheitsschädigende
Stoffe enthalten. Besonders prekär ist, dass es grundsätzlich
kaum Strukturen zur Suchtprävention und kaum Möglichkeiten zum
Ausstieg aus der Abhängigkeit für Alkoholkranke gibt.
Das ist die Situation vor Ort mit all ihren Problemen,
wie ich sie erfahren habe. Auch wenn der indische Staat Programme startet,
um die soziale Situation zu verbessern, ist er allein mit dieser Aufgabe
überlastet. Immerhin muss bedacht werden, dass die Zahl der unterhalb
der Armutsgrenze Lebenden auf diesem Subkontinent auf über 200 Millionen
geschätzt wird. Die Menschen bedürfen immer noch im großen
Maße Unterstützung und Hilfen aus dem nichtstaatlichen Sektor,
wie auch aus dem Ausland. Solche zwingend notwendigen Hilfsmaßnahmen
werden von AP geleistet.
Im Folgenden soll AP und ihre Arbeit behandelt werden.
Obwohl es die eigentliche Absicht von AP ist, die ökonomischen und
sozialen Probleme und Schieflagen in Angriff zu nehmen, lassen sich die
Tätigkeiten und Aufgabenfelder nicht auf einen Bereich beschränken,
sondern erstrecken sich über Gesundheitsaufklärung, Bekämpfung
des Alkoholmissbrauchs, über die Umwelterziehung und die Gründung
von Kleinunternehmen bis hin zum Unterhalt einer Vielzahl an Schulen.
Darüber hinaus ist AP in diversen entwicklungspolitischen Netzwerken
aktiv. Teilweise ergänzen und unterstützen sich die verschiedenen
Projekte. Im Mittelpunkt dieses Berichtes sollen nur jene Projekte stehen,
an denen ich konkret partizipiert habe. Doch war es eigentlich nur der
Schulbetrieb, in dem ich nicht eingesetzt werden konnte, da zur Zeit des
Praktikums aufgrund der Sommerferien kein Unterricht stattfand.
Zentrales Element der Projekte bildet die konkrete Arbeit
vor Ort. AP hat das Konzept, die Menschen in ihrer Umgebung aufzusuchen,
um so einen besseren Kontakt zu ermöglichen und den Suchenden eine
größere Hilfe sein zu können. Zur Zeit ist AP in insgesamt
28 Dörfern aktiv. Die Betreuung der Dörfer erfolgt durch Projektmanager,
die durch in den Dörfern ansässige Sozialarbeiter unterstützt
werden. Der Projektmanager sucht die einzelnen Dörfer auf und versucht
auf Dorfversammlungen, den Bewohnern sein Anliegen zu erläutern.
Ziel ist immer die freiwillige Mitarbeit. Die von AP geförderten
Projekte befassen sich mit der Gesundheitsversorgung und -aufklärung.
Hier ist besonders das sogenannte RCH-Programm zu nennen.
Dieses Programm beschäftigt sich mit Aids?Prävention und Familienplanung.
Ziel ist es, die weitere Verbreitung von
AIDS einzudämmen, sowie
über Fragen der Familienplanung zu informieren.
Ziel des Programms ISMH ist es, die Landbewohner medizinisch
zu betreuen. Aus diesem Grunde wird auch mit diversen Medizinern und Hospitälern
der Gegend kooperiert. Das gilt auch für das von AP unterhaltene
Zentrum für Alkoholiker ? eine Reaktion auf die rasch steigende Zahl
von Alkoholkranken. In dem Zentrum wird die stationäre Entgiftung
vorgenommen, dabei kommen auch traditionelle Methoden wie zum Beispiel
Yoga zum Einsatz. Die Menschen werden medizinisch überwacht und versorgt.
Durch Selbsthilfegruppen sollen
die Entwöhnten wieder in einen Alltag ohne Alkohol eingeführt
werden. Die Teilnehmer der SHG kooperieren wirtschaftlich untereinander.
Das Geld, das nicht mehr für die Suchtbefriedigung verwendet wird,
kann gemeinsam verwaltet und nach gemeinsamer Beratung in wirtschaftliche
Unternehmungen investiert werden. Somit erzielt man einen doppelten Nutzen
für die Familien der nun trockenen Suchtkranken.
Außerdem ist es ein Anliegen von AP, den Dorfbewohnern
ein Bewusstsein zu vermitteln, ihre Bedürfnisse und Rechte gegenüber
dem Staat und der Gesellschaft zu artikulieren. Nur so kann auch längerfristig
eine gesicherte Berücksichtigung der Bedürfnisse der ländlichen
Gemeinschaften bei den politischen Entscheidungsprozessen, zumindest auf
kommunaler Ebene, erzielt werden. Doch bedarf es noch viel Arbeit zu solch
einer wirklich starken Interessenvertretung.
Zusätzlich werden die AP-Mitarbeiter, welche die
Ortschaften aufsuchen, bei allen möglichen (alltäglichen) Problemen
und Fragen von den Bewohnern zu Rate gezogen. So wird ihnen beispielsweise
der Umgang mit Brunnen, Wassertanks, -pumpen sowie Trinkwasser näher
gebracht. Infektionsherde diverser Krankheiten
beseitigt man damit ? auch dies ein wichtiges Stück Aufklärungsarbeit.
AP unterstützt die Gründung von Frauen-SHGs. Ziel soll es sein,
Kleinunternehmen diverser Art zu gründen, um auch auf dem Lande eine
wirtschaftliche Zukunft zu finden und damit die Wirtschaftsmigration in
die Städte zu unterbinden. Die Frauen werden motiviert, Geld zu sparen,
um die Zinsen zu reinvestieren. AP steht dabei den SHGs immer beratend
zur Seite. Abschließend möchte ich noch auf die Schulen hinweisen,
in denen ich nicht zum Einsatz kam. Ich möchte diesen Bereich hier
nicht auslassen, um das von AP betriebene Spektrum vollständig zu
behandeln. In diesen Schulen werden die Kinder der Landbewohner unterrichtet.
Außerdem werden ihnen diverse Handwerksausbildungen angeboten, um
so ihre Qualifikationen zu erhöhen. Besonders der Schulbetrieb wird
auch durch Patenschaften von Europäern finanziert.
Im Rahmen dieses Praktikums wurde mir bewusst, dass
eine sozial ausgewogene und gerechte Entwicklung in Indien im großen
Maße von den zivilgesellschaftlichen Akteuren wie eben AP abhängt.
Die Indikatoren sind eine mangelnde Gesundheitsversorgung der Dörfer,
eine kaum vorhandene Schulausbildung insbesondere für die Kinder
der Armen und Unterprivilegierten. Der Staat ist mit seinen Körperschaften
überfordert. Allein kann er die sozialen Probleme der Unterentwicklung
nicht lösen. Das ist ein Grund, warum der indische Staat bereits
Kooperationen mit NROs wie eben AP sucht und unterhält. Nicht zu
vergessen ist, dass Organisationen wie AP über ein großes Wissen
bezüglich der lokalen Probleme und Schwierigkeiten verfügen
und dies im Folgenden auch den staatlichen Stellen vermitteln können.
Sie fungieren sozusagen in gewisser
Form auch als Vertretung der ländlichen Bevölkerung. Dies gilt
besonders für die Netzwerke in denen sich die NROs - auch AP - zusammengeschlossen
haben. Aus diesem ganzen oben genannten Bündel an Gründen sind
die zivilgesellschaftlichen Akteure so wichtig für eine ökologisch
nachhaltige, sozial ausgewogene Entwicklung. Meiner Überzeugung nach
wird es noch auf unabsehbare Zeit so bleiben. Eine Unterstützung
solcher zivilgesellschaftlicher Organisationen und Verbunde ist folglich
geradezu essentiell für die weitere Zukunft von Entwicklungs- aber
auch von Schwellenländern wie Indien. Erschwert wird ihr Agieren
auch dadurch, dass in der indischen Gesellschaft nicht unbedingt von einer
breiten Bereitschaft gesprochen werden kann, den Armen und Ärmsten
zu helfen. Das macht indische NROs wie eben AP und sonstige zivilgesellschaftlichen
Akteure noch stärker abhängig von ausländischen Spenden
und sonstigen Zuwendungen.
Mary Mathew, Leiterin von Arunodaya Poirada, hat durch
die finanzielle Unterstützung des Vereins "Brücke der Menschlichkeit"
dieses Projekt in den vergangenen 10 Jahren aufbauen können. Mit
ihrer strengen, mütterlichen Art, konnte sie in den vielen Jahren
insbesondere Kindern helfen, vor Krankheiten und Missbrauch bewahrt zu
bleiben und eine Berufsausbildung zu bekommen.
Abschließend möchte ich all den indischen
Kollegen für ihre Bereitschaft danken, die sich so hervorragend um
mich gekümmert haben. Es war wirklich erstaunlich, mit was für
einer Gastfreundschaft und Herzlichkeit ich empfangen und während
des Aufenthaltes behandelt wurde. Geduldig wurde ich in die neuen Lebensbedingungen,
die ich dort vorgefunden habe, und auch in die neue Arbeit eingeführt
und integriert. Außerdem wurde mir bereitwillig alles erklärt,
was ich wissen musste und alles beantwortet, was ich zu erfahren wünschte.
Es war immer sehr schwer mit den Einheimischen, welche in der Regel kein
Englisch sprechen, zu kommunizieren. Es wäre wohl nie der gute Kontakt
zu den Menschen zustande gekommen, wenn nicht die Mitarbeiter auch noch
für mich als Dolmetscher fungiert hätten. Und das alles von
studierten Sozialarbeitern, die im Monat rund 60 Euro verdienen. Ein Gehalt,
das für eine ganze Familie reichen muss, etwas, das sich in Europa
kaum jemand vorstellen kann.
Zu guter Letzt möchte ich mich auch für die
absolut schmackhaften Mahlzeiten bedanken, in denen mir die beste Freundin
der Inder vorgestellt wurde und ich ihren feurigen Auftritt auch zu schätzen
lernte: Die Chili-Schote.
Dominik Bulla
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