Edith Gogos

Bericht über unsere Indienreise vom 6. Dezember 2002 bis zum 24. Januar 2003


Indien, ein Land das schon immer eine Anziehung auf mich ausübte, das Land vom dem gesagt wird, daß es kaum ein Unterschiedlicheres im Vergleich zum westlichen Europa geben könnte, in dieses Land nun purzelte ich per Flugzeug am 6. Dezember hinein. Übermüdet durch die Zeitverschiebung, war ich glücklich nach einer längeren Prozedur endlich in unserem Taxi zu sitzen und auf dem Weg ins Hotel zu sein. Dieses Glücksgefühl wandelte sich aber mit einem Male: Nicht nur das ständige Hupen, der Lärm und Gestank, die für uns Deutsche unfaßbare ungeregelte Fahrweise schockierten mich, nein noch viel mehr. Es war nach indischer Zeit früher Morgen, die Zeit zum Aufstehen. Und wir, wir fuhren auf unserem Weg ins Hotel vom Flughafen aus durch ein Slumgebiet.

Vom Slum hatte ich vorher viel gehört, manche Bilder gesehen, es aber mit den eigenen Augen wahrzunehmen, war etwas ganz anderes: Menschen, die sich aus ihren Tüchern wanden, Frauen, die ihre vom Schlaf zerknubbelten Kleider zurecht zupften, Mädchen, die mit der Zahnbürste, wenn sie denn eine hatten, ihre Zähne putzten oder ansonsten mit ihrem Zeigefinger dieselben säuberten. Alles dies spielte sich am Straßenrand ab, denn dies ist ihr Zuhause - neben Abgasen und im Lärm - vielleicht mit einer Plane über dem Kopf, vielleicht aber auch nicht. Mir schossen, als ich all das sah, die Tränen in die Augen, ich wollte nichts mehr sehen, fortlaufen und vergessen, doch unser Taxi fuhr beständig weiter...

Dies also die Begrüßung in Bombay. Ein Irrsinn dachte ich, ein Traum fragte ich mich, doch nichts anderes als die Realität. Armut ist hier an der Tagesordnung. 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens, so erfuhr ich denn später lebt in Slums.

Und ein Slum ist nicht gleich ein Slum. Das, was ich zu Beginn meiner Reise gesehen, entpuppte sich im Nachhinein als eher "harmlos". Denn was ich in Bangalore, dieser reicheren, mehr westlich ausgerichteten Stadt Indiens zu sehen bekam, übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Zwischen gut ausgebauten, geteerten Straßen, neben einer Normalität, wie sie der unsrigen nahekommt, befindet sich plötzlich eine "andere Welt", ein Dasein von Menschen, vielleicht eher ein Vegetieren, auf engen Raum gepfercht, ihre Blicke ausdruckslos und leer - resigniert.

Ein Slum ist nicht gleich ein Slum. Dies konnte ich dann erst Recht feststellen, als ich Bella Rosario traf und mit ihr die Slums in Bangalore besuchte, in denen sie seit Jahren wirkt. Hier gab es plötzlich Wege, die teilweise sogar geteert waren, die Menschen hatten eine Wasserstelle, zu der sie gehen und ihre Behältnisse auffüllen konnten, die Häuser waren zwar sehr klein, aber sogar schon aus Stein. In jedem dieser Slums gibt es eine kleine Schule, d.h. einen Raum, in dem sich die Kinder mit der Lehrerin treffen. Die Lehrerinnen, die ich kennenlernte, waren beeindruckende Frauen, die phantasievoll mit den einfachsten Mitteln und sehr liebevoll ihren Unterricht durchführen.
Die Arbeit Bella Rosarios und ihrer Mitarbeiter, die kontinuierlich seit 8 Jahren fortwährend tätig sind, zeigt kurzgesagt ihre Auswirkungen: Slums wandeln sich dadurch zu Lebensräumen, die ein Existieren, die menschliche Weiterentwicklung ermöglichen.

Kinder hinterm Klassenfenster

 

Reverend Anthony Michael in Paramakudi, einer kleinen Stadt auf dem Lande, ist der Direktor einer Schule von etwa 2000 Kindern. Von unserem Verein aus werden einige dieser Kinder über Patenschaften gefördert. Diese Kinder kommen aus sehr armen Familien. Ohne Patenschaften wäre eine Schulausbildung nicht möglich. Wir trafen zum Beispiel Anand, einen Jungen im Alter von 18 Jahren, schön gewachsen, gesund und hochintelligent. Oder Lily Gracy, eine junge Frau, die nach Beendigung ihrer Schulausbildung gerne Lehrerin werden wollte und nun kurz vor dem Abschluß ihres Examens steht. Die Menschen in Paramakudi sind sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland, die Schüler und Lehrer ehrten uns stellvertretend für den Verein, für die treuen Spender, mit Tanzaufführungen und Blumenkränzen. Die Menschen in der Kirche, mit denen wir Sylvester feierten, applaudierten lange und laut, nachdem der Reverend eine Dankesrede gehalten hatte.

Diese Dankbarkeit wurde uns auch in Madurai bei den Schwestern entgegengebracht - reizende Frauen, viele junge unter ihnen, die sich rührend um uns kümmerten. Wir lernten die neue Oberin kennen, eine bescheidene ältere Frau, die mit Liebe und Würde den Orden führt und nach Deutschland ihre herzlichen Grüße sendet.

Zwei Monate reisten wir durch Süd-Indien und lernten dabei, daß wir nicht nur Gebende sondern auch Nehmende sein können.
Indien ist ein wundervolles Land, das uns mit offenen Armen empfangen hat: Nicht nur einmal wurde uns durch eine Straße spazierend "welcome in India" entgegengerufen. Und fragten wir z.B. einmal eine Frau nach dem Weg, so nahm sie uns bei der Hand, stieg mit uns in den Bus und brachte uns zur besagten Stelle. Aber abgesehen von dieser Freundlichkeit kann uns Indien lehren, dankbar zu sein, dankbar für all das was wir haben. In Indien sieht man, mit wie wenig auszukommen ist, wie wenig ein Mensch braucht, um zu leben und wie glücklich man auch mit so Wenigem sein kann. Ein Strahlen ist dort in so manchen Gesichtern zu finden, was Bede Griffith einmal den Segen der Armut genannt hat. Einen Segen der Armut gibt es, so befremdlich es auch klingen mag.

Allerdings hat auch der seine Grenze. Diese ist erreicht, wo Armut in Elend umgeschlagen ist, und es ist dort, wo wir mit Hilfe unserer Leute in Indien so effektiv ansetzen und dies auch weiterhin tun müssen.