Untenstehender Bericht stammt von Dorothea Schenck und Matthias Donner.Sie besuchten unsere Projekte auf ihrer Indienreise im August 2004.


Everbody is a gift - jeder Mensch ist ein Geschenk - die Projekte der Mithra Foundation in Bangalore

Die Stadt Bangalore hat uns in den ersten Tagen unserer Indienreise im August 2004 ziemlich gefangen, der lärmende und stinkende Verkehr mit den unzähligen Dreiradmotortaxis, die uns durch die Stadt beförderten, die wenigen schönen Parkanlagen, in denen sonntags viele Familien mit Kindern unterwegs waren, zu Spielplätzen und Zuckerwatte. Vor allen Dingen scheint die Mehrheit der mehr als 6 Millionen Einwohner der Stadt sich tagsüber ununterbrochen auf den Straßen aufzuhalten. Wie Strandgut sieht man dazwischen immer wieder Frauen, Männer und Kinder, die versuchen auf der Straße zu überleben, dort schlafend, kochend, Müll durchsuchend, bettelnd.

Beeindruckend ist das Engagement von Bella und Joe Rosario für ihre Organisation Mithra Foundation, das unser Verein, Brücke der Menschlichkeit, seit Jahren unterstützt. Nur einen Kilometer zu Fuß von ihrer Wohnung entfernt befindet sich eine eher unscheinbare Slumsiedlung. In engen Gassen reihen sich gemauerte ca. 2,5 x 3 m fensterlose Hütten mit Wellblechdach aneinander, in denen kinderreiche Familien hausen. Einige der Kinder, die wir hier in einer Vorschulgruppe treffen, machen auf uns den Eindruck, als wären sie bisher in ihrer Entwicklung in diesen Hütten liegen geblieben. Mit großen Augen schauen sie uns an, doch dann sagen sie uns nach Aufforderung der Lehrerin mit großem Eifer die Buchstaben des Alphabetes und die wichtigsten Zahlen auf und zeigen uns ein paar Jogaübungen, die sie gelernt haben. Wir bewundern die Lehrerin, die bei minimalsten Grundlagen mit den Kindern arbeitet. Die Kinder müssen oft noch ganz grundlegende Fertig-keiten, wie das Unterscheiden von Farben oder die einfachste Koordination ihrer Körperbewegung, lernen. Angesichts der Ausgangssituation wird uns unmittelbar klar, dass ohne diese Vorschularbeit die Kinder unbe-schulbar wären. Die Lehrerin erzählt, dass sie im Slum auch eine Frauengruppe betreut, die wichtige Themen wie Ernährung, Gesundheitsvorsorge, gegenseitige Hilfe usw. bespricht, und dort die Frauen motiviert, ihre Kinder in die Vorschule zu schicken. Wieviel Aufbauarbeit hinter der Frauengruppe und der Vorschule steckt, wird uns zwei Tage später bewusst, als wir ein anderes Slum besuchen, das erst in den letzten drei Jahren auf dem Gelände der indischen Bahn entstanden und deshalb stark räumungsgefährdet ist. Hier sind die Hütten überwiegend aus Lehm gebaut. Es gibt keine Elektrizität, keine Kanalisation. Als wir ankommen, wird gerade das Wasser von einen Tankwagen geliefert. Seit ein paar Monaten gibt es hier donnerstags eine Frauengruppe und mittlerweile nehmen eine ganze Reihe Frauen regelmäßig teil. Doch insgesamt wird der Sinn eines gemeinsamen Engagements sowie einer Vorschule für die Kinder erst in Ansätzen erkannt, der Schul- und Versammlungsraum abends oft missbraucht und unaufgeräumt hinterlassen. Bella erläutert uns, dass dies am Beginn oft der Fall ist und die Frauengruppen erst im Laufe der Zeit stärker und gemeinschaftsorientierter werden und dann auch die Arbeit von Mithra Foundation besser schützen und unterstützen.

Der für indische Verhältnisse sehr schülerorientierte Arbeitsansatz der acht Lehrerinnen an der Schule der Mithra Foundation hat uns als Lehrer besonders überzeugt. Eine Lehrerin leitet seit Beginn als Direktorin die Schule und sorgt sich mit zusätzlichen Treffen einmal die Woche um Absprachen und Fortbildung, da die Lehrerinnen in Indien nur eine kurze Ausbildung erhalten. Seit dem Beginn der Schule vor acht Jahren unter-stützt unser Verein diese Schule und das Ergebnis ist enorm. Wenn man die Ausgangssituation der Kinder in den Slums gesehen hat, ist man beeindruckt, mit wieviel Disziplin und Freude sich die Kinder schon in den ersten Klassen geben. Mit den älteren Klassen sechs und sieben waren durchaus schon einfache Gespräche auf Englisch möglich und alle Schülerinnen und Schüler wollten uns ihre Hefte und Arbeiten zeigen. Nebenbei haben sie uns begeistert von indischen Filmen und Liedern erzählt. Jede Patenschaft trägt in unseren Augen also nachhaltig dazu bei, dass sich für die Lebenssituation des Kindes neue Möglichkeiten eröffnen. Mit viel Elan hat jede Klasse uns einige Lieder auf Englisch vorgesungen, besonders das Lied "everybody is a gift" klingt immer noch in uns, wenn wir uns an die offenen und interessierten Augen der Kinder erinnern. Auf der anderen Seite haben sich die Nachrichten über unseren Besuch so schnell verbreitet, dass abends die Kinder einer Gruppe zur Hausaufgabenbetreuung, die in andere Schulen gehen und die wir abends besuchten, auch unbedingt die Spiele und Lieder lernen wollten, die wir den Schülerinnen und Schülern morgens auf Englisch beigebracht hatten. Zur Zeit gibt es für die Schule jedoch das Problem fehlender Unterrichtsräume. Die erste Klasse ist schon in eine dunkle Behelfsbaracke ausgelagert. Damit auch im nächsten Jahr wieder eine neue erste Klasse eingerichtet werden kann und die bestehenden Klassen bis zur Klasse 10, dem Ende der regulären Schulzeit in Indien, weitergeführt werden können, muss die Schule ausgebaut werden. Wir hoffen, das wir dies hier von Deutschland aus mit Spenden unterstützen können, sowie Patinnen und Paten für bedürftige neue Erstklässler finden.

Mary und Veranna in Papinayakanahalli - zwei Menschen mit weitem Blick für die kleinen Dinge

Als wir nach einer Nachtfahrt im Zug in Hospet ankommen, regnet es gerade ausgiebig. Begeistert erzählt Mary, die uns zusammen mit Veranna dem anderen Projektleiter vom Bahnhof abholt, dass es dieses Jahr zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder ausgiebig in der Regenzeit regnet. Dementsprechend grün sind die Land-schaft und die Berge, die Felder können endlich wieder bestellt werden. In dem Dorf Papinayakanahalli leben größtenteils Menschen, die aus den verschiedensten Regionen Indiens hinzugezogen und in irgendeiner Weise vom Eisenerztageabbau abhängig sind. Ganze Familien verladen beispielsweise täglich das von Lkws antrans-portierte Eisenerz in die bereitstehenden Eisenbahnwaggons. Dies ist billiger als dafür Maschinen einzusetzen, denn der Verdienst liegt gerade einmal bei etwas mehr als 0,30 € pro verladener Tonne. Vor acht Jahren, als Mary anfing eine Schule aufzubauen, gab es hier gar nichts derart. Mittlerweile besuchen etwa 250 Kinder die Klassen 1 bis 8. Sie gehören ganz verschiedenen Kasten und unterschiedlichen Religionen an, 90% kommen jedoch aus ärmsten Verhältnissen. Über Mary haben wir außerdem auch einige gebildete Muslime und Hindus in der Umgebung kennengelernt, die alle die Arbeit der Arunodaya Poirada Organisation unterstützen. Entge-gen eines bloßen Frontalunterrichts, wie er in vielen indischen Schulen üblich zu sein scheint, bemühen sich Mary und Veranna die Lehrerinnen zu einem mehr kinderorientierten Ansatz zu bewegen. Im Laufe der Zeit merkt man, wie sehr hier in einem positiven Zusammenleben Marys Geist das Schulleben durchdringt. Die Schule genießt, wie wir bei einem Elterntreffen an einem Samstag feststellen konnten, ein sehr hohes Ansehen, weil die Lehrerinnen sehr um alle Schülerinnen und Schüler bemüht und die Klassen nur halb so groß wie an Regierungsschulen sind, so die Eltern. Eine noch junge Mutter erzählt, dass sie selber jahrelang in einer Regierungsschule war, jedoch nie richtig lesen und schreiben gelernt hat, weil die Klasse zu groß und der Lehrer nur an wenigen Schülern interessiert war. Während des Elterntreffens trainieren die Schülerinnen und Schüler draußen auf dem Pausenhof bzw. auf einem Platz in der Nähe Yoga- und andere Körperübungen. So lernen die Kinder von klein auf eine bewusste Koordination ihrer Körperbewegungen, die im sonstigen Lebensalltag kaum geübt wird.

Während der Woche hört man den ganzen Vormittag das eifrige Lernen der Schülerinnen und Schüler, immer wieder werden die eigene Sprache Kanada, Mathematik und Englisch geübt. Die Lehrerinnen bemühen sich mit Merksätzen und Liedern, die Kinder zu begeistern. Als Lehrer aus Deutschland ist man von der Ruhe und Disziplin und dem Arbeitseifer beeindruckt. Mittags sitzen die Schülerinnen und Schüler zusammen und essen ihre von zuhause mitgebrachten Mahlzeiten. Mary hat gut im Blick, bei wem es zuhause fehlt, und so werden diese Kinder in der Schule versorgt. Überhaupt merkt man an allen Ecken und Enden, mit welch weitem Blick sie sich um die Menschen im Dorf kümmert und man spürt die große Dankbarkeit, die ihr entgegengebracht wird. Sie hat beispielsweise eine ältere Frau aus einem entfernten Dorf für eine gewisse Zeit aufgenommen, die nach dem Tod ihres Sohnes und dann auch ihrer Schwiegertochter nichts mehr mit sich anzufangen wusste. Diese Frau ist am Nachmittag einfach so Ansprechpartnerin für die größere Zahl Kinder, die nach dem Unterricht noch in der Schule bleibt, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen, weil dies zuhause ungestört kaum möglich wäre. Auch hier gilt, dass das vorhandene um mehrere Behelfsräume erweiterte Schulgebäude einen weiteren Jahrgang nicht mehr fassen kann, die Schule aber natürlich bis zur Klasse 10 weitergeführt werden soll. Nach jahrelangem Unterricht sollen die Kinder auch einen richtigen Schulabschluss erhalten, um wirklich weiterzukommen. Die Eltern haben sich schon zusammen organisiert und mit Unterstützung weiterer Menschen aus der Umgebung wurde bereits ein Grundstück für zwei weitere Klassenräume erstanden. Doch ohne unsere Unterstützung fehlen die Mittel, diese zu bauen. Auf dem Grundstück haben Mary und Veranna einen Garten angelegt. Es wachsen schon einige Sonnenblumen. Nächstes Jahr, so hoffen sie, können hier die Schüler der Klasse 9 schon selber Pflanzen anbauen und damit wichtige Dinge lernen.