Monatsbrief Dezember 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Wie können wir leben?
Müssen wir uns das fragen, wo wir doch leben? Eigentlich nicht.
Jedoch, wir spüren Not und Verlegenheit. Wir kennen Schwierigkeiten
in unserem Alltag, manchmal in der Weise, dass wir vor der Lebensaufgabe
stehen und sie nicht lösen können. Wir spüren, dass wir
im Orchester des Lebens wie ein Instrument sind, das nicht klingen kann.
Die Not liegt darin, dass wir zwar da sind, jedoch im Dasein nicht wach.
Ein Mensch, der nicht wach ist, lebt im Land der Träume. Der Traum
träumt, er besäße das Leben und er könne es handhaben
nach eigenen Vorstellungen und Wünschen. Das Traumland liegt außerhalb
meiner Lebensmöglichkeit. Es ist eine Illusion.
Das Leben lässt sich nicht durch mich verwirklichen. Ein Beruf ist
nicht die Verwirklichung des Lebens. Er ist eine Möglichkeit, in
der Gesellschaft ein Betätigungsfeld zu finden. Betätigung heißt,
ich setze meine Lebendigkeit in schöpferische Tätigkeit um.
Und hier spüren wir schon unsere Not. Schöpferische Kraft fließt
aus der Quelle der Lebendigkeit. Wenn ich diese Quelle nicht bin, richte
ich mich nach Fremdem. Das bezieht sich nicht allein auf Ausbildung, Studium,
Schule, sondern auf mein ganzes Dasein. Ich habe das Unwohlsein, funktionieren
zu müssen und daran gemessen zu werden, wie die fremde Macht mich
einschätzt. Das Fremde kennt keine Liebe. Wir können so das
erleben, was wir mit Hölle bezeichnen. Vielleicht haben wir in unserer
Wohnung eine Ecke oder einen Raum, den wir nach unserem Ermessen ausstatten.
Aber wollen wir nur in einer Ecke unser Leben fristen?
Und wie werden wir denen gerecht, die zu uns gehören und die vielleicht
auf uns bauen, das Verhältnis zwischen Mann und Frau in Freundschaft
und Ehe und was ist in den Familien zwischen Eltern und Kindern und was
geschieht am Arbeitsplatz? Wir sind mitten drin. Die Lösung liegt
darin, in der Quelle des Lebens wach und von uns aus tätig zu werden.
Sonst müssen wir auf Veranlassung einer fremden Macht handeln, die
keine Barmherzigkeit kennt. Das liegt auch im Religiösen. Haben wir
einen freundlichen Gott, der mit uns ist oder einen, der Bedingungen stellt?
Aber wie können wir wach werden? Jeder steht Gott gleich nah und
jedem ist die Möglichkeit gegeben, wach zu werden. Dieses geschieht
mitten im Leben. Ich lasse meine ganze Not zu. Indem ich mich der Not
zuwende, wende ich mich meinem Dasein zu. Mein Dasein selbst ist die Not.
Ich habe Angst vor dem Leben, ich habe Angst, sterben zu müssen.
Ich werde still und wehre mich nicht mehr gegen den Vorgang von Leben
und Sterben. Es stellt sich von selbst eine Entwicklung ein, die in mir
ein Tor öffnet und die Quelle der Lebendigkeit erfasst mich und weckt
mich zum Leben.
Und was stelle ich fest? Der Tod richtet auf und gibt Lebendigkeit. Er
vernichtet nicht. Er weckt und hält wach. So kann ich ohne Angst
leben, es gibt weder Mut noch Mutlosigkeit. Der Bereich, der sich öffnet,
ist Leerheit. Er ist absolut und eine Begegnung mit dem, was wir mit Göttlich
bezeichnen. Die Verwirklichung der Leerheit im Alltäglichen ist reine
Liebe. Das ist das Wunder von Weihnachten. Sich gegenseitig zu beschenken,
ist eine hohe Kultur. Wir sollten die Worte des Mystikers Angelus Silesius
beherzigen ...und wäre Christus 1000 mal geboren und nicht in
Dir, Du wärest dennoch verloren.
Wachet auf ruft uns die Stimme... wache auf, in dem, wie Du bist,
so ist Gott in dieser Welt. Erfreue Dich Deiner Gegenwart."
Eine frohe Weihnachtszeit
Klaus
Monatsbrief November 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Zu den Eigenarten des Menschen gehört das Warten. Von
den Soldaten wird gesagt, sie warten die Hälfte ihres Lebens. Wir
warten auf schönes Wetter, wir warten bei einer Krankheit darauf,
wieder gesund zu werden.
Warten ist ein Vakuum des Lebens, nämlich in der Weise, dass das
Gegenwärtige sich vermindert und das Erwartete noch nicht da ist.
Warten ist ein Stillstand im Leben. Was ist dann, wenn das eintritt, worauf
ich warte? Bin ich dann grundsätzlich vom Warten befreit? Ist der
Student befreit vom Zustand des Vorläufigen, wenn er das erwartete
Examen in der Tasche hat? Ist es nicht so, dass das Neue , z.B. der Einstieg
ins Berufsleben, wiederum nur Vorläufiges zeigt und das Warten auf
Endgültiges auf’s Neue beginnt.
So ist das Leben ein ständiges Warten auf Endgültiges. Gibt
es da irgendwo eine Lösung, die vom quälenden Warten befreit?
Es gibt Menschen, die von einem Arbeitsverhältnis zum anderen wechseln,
immer in der Erwartung auf Endgültiges. Ehen werden geschieden wegen
der Enttäuschung, das Endgültige nicht gefunden zu haben und
erwachsene Kinder machen ihren Eltern den Vorwurf, nicht alles zum Leben
bekommen zu haben.
Gibt es da endlich eine Lösung, die alles Warten zu einem sinnvollen
Ende führt? Die Lösung ist dann da, wenn der Wartende plötzlich
in sich erfährt, dass das, worauf er wartet, er selbst ist. Die Wirklichkeit
des Lebens ist das endgültig Wirkende, worauf jeder Mensch wartet.
Eine solche Einsicht tritt mitten im Warten plötzlich in Erscheinung.
Nicht der Verstand bringt sie hervor. Sie wird geschenkt. Es ist eine
ganzheitliche Erfahrung im menschlichen Dasein.
Aber worin lag der entscheidende Irrtum und worin die überraschende
Wende? Du hast dahin geschaut, wo etwas auf dich zukommen sollte und hast
versäumt, deine Achtsamkeit dorthin zu lenken, wo das Leben anwesend
ist, nämlich in dir. Du hast auf etwas gewartet, was dich entlasten
sollte von der Schwere des Schicksals. Du musstest erfahren, das die Entlastung
darin liegt, das Schwere anzunehmen. Indem du auf etwas gewartet hast,
hast du dich von dem entfernt, worauf du gewartet hast.
Du bist es selbst, die Wirklichkeit deines Lebens, die sich so darbietet,
wie du bist, mit deinem ganzen Schicksal. Das Warten bleibt solange, bis
wir bereit sind, diese Erkenntnis zuzulassen. Hat das etwas mit Gott zu
tun? Die genannte Erfahrung zeigt dir unumstößlich Endgültiges.
Eine solche innere Erfahrung verbinden wir in unserer Kultur mit dem Göttlichen.
Der das erfahren hat, lebt in der Vollständigkeit und alle Lebenssituationen
sind in dieser Vollständigkeit, ohne Erwartung.
Gruß Klaus
Monatsbrief Oktober 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Die Geduld ist ein Grundverhalten in unserem Leben. „Ich
bin ungeduldig“, höre ich häufig in Gesprächen. Gemeint
ist dann die Situation der Ungeduld, z.B. beim Warten darauf, dass die
Arbeitzeit zu Ende geht, oder ich möchte die Wohnung verlassen, aber
es ist vorher noch etwas zu erledigen. Das klingt so, als wäre der
Mensch mit etwas ungeduldig, was man mit unangenehm bezeichnen kann. In
Wirklichkeit ist er mit sich ungeduldig. Er duldet sich nicht.
Duldet er sich, so darf das geschehen, was im Geschehen
des Lebens zu geschehen hat. Die Geduld kann abwarten. Im Abwarten geschieht
etwas, was ich zu dulden habe, nämlich das Geschehen meiner selbst.
Was muss ich dann an mir selbst dulden? Der Mensch lebt gerne in seinen
Vorstellungen und lässt dabei die Wirklichkeit außer acht.
Er braucht die Vorstellung, weil er die Wirklichkeit zu leben nicht bereit
ist. Das Ego ist eine Vorstellungswelt. Es braucht, um sich zu bestätigen,
Vorgänge, die seine Illusion nicht bloßstellen. Das Ego täuscht
sich vor, es wäre das Leben. Das Ego ist ungeduldig mit dem, was
das Ego in dieser Auffassung in Frage stellt.
Was erfährt der Mensch, der geduldig ist? Er erfährt, dass
nicht sein Schaffen das Leben ist, sondern das Leben ist in seinem Grund
wirkend ständig da und formt seine Gestalt und sein Leben in ununterbrochener
Weise. Dieser Mensch ist demütig. Er duldet sich in seiner Kleinheit
und Machtlosigkeit und folgt dem Gesetz des Lebens.
Wie kann ein Mensch in dieser Kleinheit und Wenigsein leben, wo doch
der Alltag von ihm vieles verlangt, um leben zu können? Nur in dieser
Kleinheit und im Wenigsein empfindet der Mensch seine Größe,
die er zum Leben braucht. Groß wird sein Leben in der Erfahrung,
dass dieses Leben die Anwesenheit von Großem ist, die Anwesenheit
der lebendigen Göttlichkeit in seiner Gestalt.
Nicht das nahtlose Funktionieren der Lebensabläufe gibt Leben,
Leben ist ständig wirkend da in meiner bloßen Gestalt, ohne
mein Zutun. Ungeduld ist also das Aufbäumen des Egos gegen seine
eigene Unfähigkeit, auf die unbeeinflussbaren Gesetzte des Lebens
einwirken zu können. Wer das Leben duldet, also mit sich einverstanden
ist, kennt weder Geduld noch Ungeduld. Dieser Mensch ist in optimaler
Weise lebensfähig und lebenstüchtig. Er wird nicht bestimmt
durch Geduld und Ungeduld, sondern er wird getragen von der Lebenskraft,
die das Leben selbst ist.
Gruß Klaus
gelbes Blatt & der Herbst
ein Liebespaar
Monatsbrief September 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Unser Grundverhalten im Leben sind Liebe und Hass. Die Liebe bejaht und
der Hass verneint. Wir sind Menschen. Menschsein bedeutet, mit dem Körper
zu leben. Wenn wir achtsam schauen, so stellen wir fest, das Leben fließt.
Schauen wir weiter, so erleben wir, dieser Fluss sind wir nicht. Der Fluss
hat uns.
Manchmal wehren wir uns gegen den Fluss. Wir möchten nicht alt
werden. Wir wehren uns gegen die Ungewissheit des Todes. Der Strom des
Lebens jedoch fragt uns nicht. Er fließt. Hat er nicht schon alle
unsere Vorfahren erfasst? Sie sind in die Zeit gestellt und wieder genommen
worden. Wenn ich dieses wahrnehme und meine Ohnmacht erkenne, so ist es
möglich, dass ich mit Hass antworte. Nichts, aber auch gar nichts
liegt in meiner Hand, es ist mir entzogen. Was bleibt mir dann?
Ich kann mir ein Leben meiner Vorstellung bauen. Es ist dann ein Haus,
indem ich lebe, ein Haus aus dem Stoff meiner Vorstellungen und Wünsche.
Was dort geschieht, ist es mir genehm, so liebe ich, ist es mir unangenehm,
so hasse ich. Liebe und Hass sind dann von mir in meiner Hauskonstruktion
gebildet und haben allein mit meinem Bewusstsein zu tun. Ist das nicht
ein armes Leben?
Wie sollen dann die Menschen, die zu mir gehören, mitgehen können?
Wonach sollen sie sich richten? Habe ich nicht mit einer solchen Lebenseinstellung
Leid erzeugt? Müsste ich nicht spätestens dann, wenn ich die
Auswirkung auf die Menschen, die zu mir gehören, sehe, den Weg in
meine Grundwirklichkeit zurück finden?
Die Grundwirklichkeit des Lebens ist so, wie sie jeden Augenblick ist.
Sie kennt weder Liebe noch Hass. Sie besteht nicht aus meinen Wünschen,
sie ist weiter und größer als ich. Sie fließt aus der
Quelle des zeitlos Lebendigen, erfasst uns in der Gegenwart und bildet
die lebendige Gestalt, die wir sind. Nicht nur wir sind erfasst, sondern
alles was da ist und lebt. Diese Lebenskraft ist weder an die Zeit noch
an den Ort gebunden. Es ist das Göttliche, was in allem wirkt. Befreit
von der eigenen Enge, leben wir in der göttlichen Weite. So liebe
ich von Natur aus, was lebt.
Ich liebe dich, so wie du bist. So, wie Du bist, bist Du die Anwesenheit
des Göttlichen.
Gruß Klaus
Liebeslied.
Welch wunderbare Nähe,
die Du mir schenkst
in der unendlichen Welt.
Monatsbrief Juni 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Morgens werde ich wach. Aus dem Unbewussten wird Bewusstsein. Gibt es
da eine Orientierung? Der Verstand versucht es. Aber er ist nur Unruhe.
Er findet nichts. Er kann das nicht finden, was ich suche. Ich kann in
meinem Vertand sagen, ich bin ins Bett gegangen, gleich werde ich aufstehen.
Aber kann der Verstand etwas zum Augenblick sagen? Von der Vergangenheit
kann er sprechen und das ZukŸnftige planen, aber der Gegenwart kann er
sich nicht bemŠchtigen. Die Gegenwart kann nicht erdacht werden. Verstand
und Wissen sind in ihrer Eigenart so, dass sie es trotz aller MŸhe nicht
vermšgen. Sie sind nicht dafŸr da. Dennoch kann ich eine Aussage machen.
Die Gegenwart ist leer. In mir ist etwas, was wahrnimmt, die Anwesenheit
des Geistes. Es ist der Geist, der wahrnimmt, ich habe Hunger, ich bin
mŸde usw. Dieses kann ein Geist wahrnehmen, der selbst frei ist von MŸdigkeit
und Hunger. Es ist der gšttliche Geist in allen Menschen. Er schaut auch
die Leerheit der Gegenwart. In der Gegenwart bin ich da, wie ich bin.
Also versuche ich, nichts zu finden. Ich tue es so, weil ich so hŠufig
gesucht habe und nichts finden konnte. Die Gegenwart ist Gestalt und Form
des Geistes. In der Gegenwart ist der Geist immer am Ziel des Vollkommenen.
Am Ziel zu sein bedeutet, da gibt es nichts wegzunehmen und zu ergŠnzen.
Hier wird nichts mehr gebraucht, alles ist da, was die Gegenwart ausmacht.
Kurz gesagt, Gegenwart ist vollkommenes Leben, nichts wird mehr angestrebt,
ich lebe.
Sollte es da mehr geben? Das ist všllig absurd, Leben ist leben. Die
Gegenwart kann nur getrŸbt werden, wenn mein Geist unruhig ist. Kommt
er zur Ruhe, zeigt sich die Gegenwart in seiner všlligen Klarheit. Im
Zen zu sitzen, also Zazen zu Ÿben, bedeutet nichts anderes, als Ruhe aufkommen
zu lassen. Dann bin ich am Ziel, bin Eins mit der Gegenwart und lebe.
Das bedeutet, die Gegenwart, also das Leben, bedarf meiner MŸhe nicht,
es ist da und wird geschaffen von einer Wirklichkeit, die seit jeher da
ist und an allen Orten Leben gedeihen lŠsst. So auch jetzt hier, in diesem
Augenblick, das gestaltet, was ich als mein Ich bezeichne. Ich bin aus
dem schaffenden Geist das stŠndige Ich Gottes mit meinem Namen.
Was macht denn dieser Geist, so dass etwas entsteht, nŠmlich meine Gestalt?
Panikar schreibt in einem Buch: " Ich bin dazu verdammt, Philosoph zu
sein." Ihn bedrŸckt, Theoretiker zu sein. Ich habe vor dem Studium das
Maurerhandwerk gelernt. Ein Maurer baut eine Wand. Wenn sie fertig ist,
ist sie eine anwesende Gestalt. Der Maurer ist der Erbauer. Er bereitet
das Fundament vor und setzt darauf Stein auf Stein mit Fugen und Mšrtel.
Das Ganze ist eine Zusammensetzung von vielen Teilen, die einzeln ihren
Wert darin haben, zusammen mit anderen eine Gestalt zu gewinnen.
Sie besteht in der Umgebung mit Luft, Feuchtigkeit, Licht, KŠlte und
WŠrme und erfŸllt im Ganzen ihren geistvollen Sinn. Sie vergeht aber auch
durch physikalische Einwirkungen, wie z.B. durch Wasser im Zusammenhang
mit Frost.
Das Ganze ist durchstršmt von Energie, die die Kraft des Bestehens verleiht.
Sie lŠsst im Laufe der Zeit nach und die Mauer zerbricht. Der Maurer ist
nicht der Schšpfer der Mauer. Er ist lediglich eine Kraft in einem KrŠftefeld
mit der Mšglichkeit, das zu sein, was ist und wirkt.
Wenn ich also morgens aufwache, versucht das Ich zu sein, bis es die
Sinnlosigkeit erkennt und bei dem ankommt, wo und wie ich bin. Dann entsteht
in dem, was ist, ein tiefer Frieden und ich bin glŸcklich.
Ich hoffe, ohne Absicht aus sich, dass dieses GlŸck auch zu denen flie§t,
die zu mir gehšren und zu denen ich gehšre. Wir leben in einem geistigen
Feld und sind so fŸr einander verantwortlich. Wir sind unsere Familie,
unsere Vorfahren und Nachkommen. Wir achten und anerkennen sie und so
fšrdert sich das Leben. So sind wir auch unsere Umwelt, Erde, Luft, Wasser,
alles, was lebt. Wenn wir es nicht achten und zerstšren, kšnnen wir nicht
mehr leben.
Gru§ Klaus
Sehnsucht
Wenn Du nicht wei§t, was Deine Sehnsucht ist,
so frage die, die leben obgleich nicht geboren,
die, obgleich sterbend, nie vergehen
und im Schweigen Antwort geben.
Eine Geschichte (Koan)
Im Jahr 532 starb in China Bodhidharma. Zu seinen Lebzeiten hat er die
tiefste Verwirklichung erreicht. Die Geschichte bezeichnet ihn als den
ersten Zen-Patriarchen. Ein Hšhepunkt war seine Begegnung mit Eka, der
sein SchŸler wurde und spŠter der zweite Zen-Patriarch.
Eka sagte eines Tages seinem Lehrer: "Der Geist deines SchŸlers ist noch
unruhig, bitte Meister gib ihm den Frieden." Der Meister darauf: "So bring
deinen Geist, ich will ihm den Frieden geben." Eka sprach: "Ich habe den
Geist gesucht und ihn nicht gefunden." Der Meister erwiderte: "So habe
ich dir schon den Frieden gegeben."
Monatsbrief Mai 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Was bedeutet es, hier zu sitzen und was hat Zen damit zu tun?
Ich könnte sagen, Sitzen ist ein natürlicher Vorgang, welchen
Einfluss sollte da Zen ausüben. Das Sitzen im Zen heißt Zazen,
(Sitzen in Versunkenheit). Zunächst ist jeder, der mitmacht, ein
Mensch, der ein Motiv für seine Teilnahme am Zazen mitbringt. Meistens
ist es so, dass eine tiefe Sehnsucht die treibende Kraft ist.
Zen ist über viele Jahrhunderte lebendig und beinhaltet viele Erfahrungen.
Alle Erfahrungen haben mit der Erleuchtung des Buddha zu tun. Ohne zu
wissen, was es ist, haben wir Vertrauen zu dem Weg, den Zen uns gehen
lässt.
Das Vertrauen bezieht sich nicht nur auf Zen, sondern auch auf den Meister
oder Lehrer. Diese Menschen müssen Erfahrene des Weges sein. Der
Weg führt ins Unbekannte des eigenen Wesens. Der Zenschüler
hat den Weg selbst zu gehen.
Der erste Teil der Übung des Weges liegt darin, alles, was daran
hindert, sich auf den Weg zu machen, los zu werden. Darin liegt Selbsterkenntnis.
Sie zeigt, dass Leid und Not daraus resultieren, dass das Ich mit seinem
Egobewusstsein sich falsch einschätzt. Das Ego hält sich für
das lebensspendende, entscheidende und tragende Bewusstsein. In dieser
stillen Erfahrung, wird der Übende erlöst von Ich-Bindungen
und tritt in eine Entwicklungserfahrung ein. Sie wird nicht vom Ego gesteuert.
Das Ego hat seinen Einfluss völlig verloren und das Leben selbst
tritt in Erscheinung.
Das Sterben spielt eine Rolle. Hier kommt der Schüler ohne Begleitung
nicht zurecht. Dafür ist der Lehrer oder Meister da. Der Weg führt
ins Nichtwissen.
Hinter allem steht das Ziel, befreit zu sein von dem, was nicht zum
Ursprung des Lebens gehört. Kein Fremdes, kein Falsches stört
nun mehr das Leben. Der Körper verliert Behinderung und manche Krankheit.
Es ist wahrhaftige Religiosität. Das Göttliche allein lebt.
Gemeinsam mit befreundeten Menschen bin ich auf diesem Weg. Wir sind
für alle da, die in unseren Kreis eintreten möchten. Jeder möge
sich auf die Ernsthaftigkeit von Leben und Tod einlassen. Gibt es etwas,
was höheren Rang haben kann? Wir sind es selbst.
Unser Abendruf lautet:
Das eine möchte ich euch allen ans Herz legen,
Leben und Tod sind eine ernste Sache.
Schnell vergehen alle Dinge.
Seid immer wach, niemals achtlos, niemals nachlässig.
Es grüßt im Namen aller, die mit mir auf dem Weg sind
Klaus
Monatsbrief April 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Der Brief befasst sich mit der Selbsterkenntnis. Wir sind das Leben.
So hat die Selbsterkenntnis für unser Dasein eine Bedeutung. Das
Streben nach Selbsterkenntnis führt in vielen Fällen zur Erkenntnis
der Ebene, wo wir Erdachtem und Angestrebtem nachgehen, oder wo etwas
versäumt und nicht erreicht wurde und wo genommen und abgelehnt wird.
Diese Erkenntnis ist selbstbezogen. Sie führt von dem weg, was wir
als wesentlich bezeichnen. Das Wesentliche ist selbstlos. Auch gibt es
im Wesentlichen kein Erkennen. Erkennen hat mit Verstehen zu tun. Hier
erfahre ich etwas, was sich dem Verstand nicht erschließt. Die Erkenntnis
geht von mir aus. Die Erfahrung des Wesentlichen nimmt mich.
Das Wesentliche ist ohne Art und so, dass das vorher Bedeutende untergeht.
Die Erfahrung wird zur bis dahin nicht bewussten Selbsterkenntnis. Das
Leben wird wach. Darin bin ich demütig. Obgleich diese Erfahrung
aus der Losgelöstheit entsteht, bin ich mit allen Menschen verbunden.
Sie sind so, wie ich. Das Leben mit seinen Bindungen und Aufgaben hört
auf, eine Last zu sein. Zwischen mir und meinem Schicksal gibt es keinen
Unterschied. Ich bin in seiner Weise anwesend.
Jeder Mensch hat von Natur aus die Sehnsucht, so zu sein. Wenn er es
erreicht hat, hört alles Sinnlose auf. Es scheint so, als ob es unerreichbar
sei. Jeder, ob er will oder nicht, wird zu seiner Stunde dorthin geführt.
Die Selbstbezogenheit ist lediglich ein Widerstand gegen das Wesen. Der
Widerstand wird eines Tages in seiner Sinnlosigkeit zusammenbrechen. Ehe
die Wahrheit durchbricht, kann jedoch der Egoismus viel Unheil anrichten.
Deshalb ist es sinnvoll und heilsam, der Sehnsucht nach dem Wesentlichen
nachzugehen.
Die Selbstbezogenheit ist zerstörend. Sie wendet sich gegen das
Leben, gegen die Entstehung und sein Gedeihen. Sie wendet sich auch gegen
sich selbst. Deswegen ist es notwendig, so früh als möglich
das Wesentliche zu zulassen. Wir sollten also nicht warten und den Mut
dazu finden. Wir spüren Unfrieden in den Gemeinschaften, in den Ehen,
Familien, in der Wirtschaft und im Bereich der Völker und Religionen.
Es wird Zeit, dass der Mensch zum Wesentlichen findet, damit die Missachtung
und Zerstörung des Lebens ein Ende findet.
Hat das mit Gott zu tun? Ich empfinde, diese ganze Wirklichkeit ist die
Anwesenheit Gottes. Er steht nicht außerhalb. Wo wäre er dann.
Er spielt mit uns das Spiel des Lebens. Auch das Leben, was sich selbst
nicht nehmen kann, ist in ihm zu Hause. Er ist in Allem und überall.
Er ist der liebende Grund auch da, wo im Hass das Leben verkümmert.
Kein Verstand und keine Wissenschaft kann das Göttliche erfassen.
Wir können es im Sein sein, so wie Licht im Licht.
Es kommen Menschen zu mir, die sagen, was hinter mir liegt, steht einer
weiteren Entwicklung entgegen. Nimm die Vergangenheit. Sie ist weder richtig
noch falsch. Auch die Schuld musst du nehmen. Sie gehört zum Leben.
So ist die Voraussetzung gebildet.
Dieser Weg zum Wesentlichen ergibt sich dann von selbst, wenn du den
Worten eines Weisen folgst: „Der höchste Weg ist nicht schwer,
wenn du nur aufhörst zu wählen.“
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Herzliche Ostergrüße
Klaus
Monatsbrief Februar 2007
Liebe Freundinnen und Freunde!
Das Befindliche im Leben, einmal Wohlbefinden, einmal Unwohlsein, Liebe,
Hass oder auch Sinnlosigkeit, sind Stimmungen in der Landschaft unserer
Seele. Sie sind unbewusst. Sie bestimmen die Art, wie ich im Leben stehe.
Was ist mit den Konflikten, Abneigungen und Zustimmungen? Wo kommen die
Schwierigkeiten her in der Familie, am Arbeitsplatz und in allen Lebenssituationen.
Ich kenne Krankheiten. Ich werde immer älter. Was ist, wenn mir bewusst
wird, das Sterben ist gegenwärtig?
Das Leben ist ein Prozess von Geburt bis zum Tod. Diese Wirklichkeit
zeigt sich jeden Tag auf’s Neue. Bin ich einem solchen Leben gewachsen?
Dieser Frage kann ich nicht ausweichen. Wenn ich dieser Frage nach Leben
und Tod aus dem Weg gehe, was ist dann mit mir? Wie stehe ich dann vor
den Menschen, denen gegenüber ich eine Verpflichtung eingegangen
bin, z.B. in der Ehe, in den Familien oder an irgendeiner anderen Wirkungsstätte?
Wenn ich nicht nur vom Leben widerstrebend genommen werden möchte
– und nur auf Bequemlichkeit ausgerichtet sein will – so muss
ich etwas unternehmen.
Ich möchte ungehindert lebendig sein, nicht nur dahin gezogen, immer
ängstlich, es könnte etwas passieren, was ich nicht weiß.
Kurz gesagt, wir möchten das Leid und den Schmerz nicht. Die Erfahrung
zeigt uns, dass ein Leben ohne Leid und Schmerz nicht möglich ist.
Da das Leben ungehindert seinen Lauf nimmt, bleibt uns nur das Eine,
bereit zu sein, Leid und Schmerzen nicht aus dem Weg zu gehen. Dann sind
wir voll da und lebendig im Leben.
Können wir auch so freudig im Leben sein? Ja, wir können!
Mit dem Leid ereignet sich etwas Eigentümliches. Das Bewusstsein
des Leides liegt auf der Ebene des Ego, einer Ebene, die sich im Laufe
der menschlichen Entwicklung gebildet hat. Das Leid ist bestrebt, mich
zu verwandeln. Lasse ich es zu, so lösen sich die vorausgegangenen
Konflikte und Schwierigkeiten. Dieses geschieht nur dann, wenn ich bereit
bin, alles aufzugeben, an dem ich hänge. Im Aufgeben gewinne ich
die Weite des zeitlosen Lebens. Ich bin aufgegangen in das, was vom Ursprung
her schon immer da war, im göttlichen Sein.
So bleiben wir lebendig und säen die Saat des Lebens.
Mit freundlichem Gruß
Klaus
Aus dem Liebeslied von Rilke
Doch alles was uns anrührt, Dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
Monatsbrief November 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Über das Denken
Über das Denken kann ich nur dann eine Aussage machen, wenn ich
den Standort des Nichtdenkens einnehme. Dann ist es möglich, von
einem Platz, frei vom Denken, ins Denken und seine Motive hinein zu schauen.
Das Leben, meine Lebendigkeit, ist einfach da und bringt mich hervor und
so bin ich ohne zu denken.
Die Menschen der Vorzeit waren so in der Natur, dass die Natur ihnen
eingab, was zu tun war, um zu überleben. Heute ist unser Leben eingefügt
in eine Umgebung, in der ohne das Denken das Überleben nicht garantiert
ist. Ich denke z.B. im Straßenverkehr. Aber auch da gibt es das
Nichtdenken. Wenn ich mein Auto fahre, bin ich ganz meine Situation. Ich
reagiere schneller, als ich denken kann. Beim Radfahren ist es ebenfalls
so, dass es eine lenkende Kraft gibt, die jenseits des Denkens ist.
Im Zusammenhang mit Ausbildung und Beruf, muss ich in spezieller Weise
denken lernen. Beim Eindocken des Passagierschiffes Queen Mary II im Hamburger
Hafen muss gedacht werden, da das Schiff sonst nicht ohne Schaden ins
Dock kommt.
Eine Gemeinschaft kann nicht denken. Dort denkt jeder für sich auf
der Egoebene. Die Lebendigkeit des Lebens selbst denkt nicht. Sie ist
ohne Wort und ohne Bild. Sie ist weit, ohne Grenze und ohne Zeit. Sie
ist ohne Namen und Stand. In dieser Lebendigkeit sind alle Menschen gleich
und ein Ganzes ohne Trennung. Das Denken trennt. Das Denken ist in der
Evolution in einer bestimmten Entwicklungsphase hinzugekommen. In diesem
Denken zeigt sich das Individuum. Ich kann mich selbst erdenken.
Darin liegt Begrenzung. Ich heiße Klaus, bin Ingenieur, bin mit
Hildegard verheiratet und im 82. Lebensjahr. Ich kann es mir so erdenken,
dass ich meine, es wäre wahrhaftig mein Leben. Ich bin dann abhängig
vom dem, was ich mir erdenke. Wenn ich im Denken lebe, möchte ich
immer Recht haben und möchte nicht, dass die erdachten Bilder in
Frage gestellt werden. Werden sie in Frage gestellt, so bekomme ich Lebensangst
und hasse den, der mir das antut. Mein Denken ist dann Hass. Ich denke,
den zu schädigen, der mich in Frage gestellt hat. Ich tue ihm Böses
an. Ich beleidige ihn und übe Rache. In Wirklichkeit ist er gar nicht
der Verursacher. Ich habe ein Bild vom Leben für das wahre Leben
genommen. Und so werde ich abhängig von der Anerkennung durch Menschen
meiner Umgebung. Ich möchte Recht haben. Wenn ich nicht Recht habe,
bekomme ich Lebensangst.
Wie gewinne ich Unabhängigkeit, mein volles ungetrübtes
Leben?
Indem ich meinen Lebensgrund zulasse, gewinne ich wieder meine Ursprünglichkeit,
meine natürliche Lebendigkeit. Es gibt keinen höheren Wert.
Meine Lebendigkeit gibt mir die ersehnte Freiheit zurück. Die Lebendigkeit
ist etwas Gegebenes seit undenklicher Zeit. Es ist die Lebendigkeit aller
Vorfahren in einem stetigen Fluss, der mir in der jetzigen Gegenwart diese
Form und Gestalt gibt, die ich bin. Jeder Versuch, mit den Gedanken etwas
festzustellen und festhalten zu wollen, zerstört das innere wache
Erlebnis, lebendig im Leben zu sein. Ich bin nicht der Gründer meines
Lebens, das Leben hat mich.
Der Versuch, das Leben mit dem Ego zu gründen und zu gestalten,
ist eine geistige Verirrung mit schlimmen Folgen. Um vollständig
und wach zu leben, hat das denkende Ich sich im Erlebnis des gegebenen
Seins aufzugeben. Dann erfahre ich, dass das Leben mit meinem erdachten
Ich aus einer nicht zu erdenkenden Quelle lebt und es macht mich frei
von Hass und sinnlosen Bestrebungen.
Wie kann ich meine ursprüngliche Freiheit, meinen Lebensgrund
wiedergewinnen?
Meine Lebendigkeit ist meine körperliche Gestalt. Mit dieser äußerlichen
Gestalt ist eine innere Gestalt, eine geistige Gestalt lebendig. Diese
geistige Gestalt ist direkt und ungetrübt das Leben. Wenn ich etwas
mache, was allein meine körperliche Gestalt hergibt und mit Ausdauer
unternehme, dann empfinde ich Befreiung vom erdachten Bereich. So ist
es beim Jogging. Es ist das Motiv der Marathonläufer. So ist es auch
beim Schwimmen, Radfahren, Wandern usw. Gleichmäßiges Bewegen
hat eine befreiende Wirkung.
Aber die ersehnte Dauerhaftigkeit der Wirkung bleibt meistens aus. Menschen,
die z.B. Zazen oder Kontemplation üben, erfahren eine innere Grenze,
hinter der das Land der Sehnsucht endgültiger Befreiung liegt. Warum
machen wir uns nicht auf den Weg? Einfach ist er nicht. Aber er lohnt
sich. Dann vergeht der Hass und es entsteht in natürlicher Weise
Liebe zwischen den Menschen, in den Familien und in der Welt.
Wer zweifelt an der Notwendigkeit?
Mit freundlichem Gruß
Klaus
Kalt ist es.
Der Mantel,
er wärmt mich.
Monatsbrief Oktober 2006
Liebe Freunde unserer Zengemeinschaft,
Zunächst teile ich euch eine Terminverschiebung mit.
Der Zen-Samstag am 25 November
wird auf den 18. November 06
vorgezogen.
Ich nehme diese Gelegenheit wahr, um diesen Tag euch nochmals ans Herz
zu legen.
Unser Leben, wie schätzen wir es ein?
Im Leben ganz wach zu sein, ist das Höchste. Das wache Bewußtsein,
rein von allen Störungen und befreit von allem Fremden, nimmt uns
die Angst und Sorgen. Tief im Leben wie es ist, finden wir die Vollständigkeit,
nach der wir uns so sehr sehnen.
Wir leben in einem geistigen Feld. Dieses geistige Feld steuert, wie
wir unser Leben empfinden. Dort ist die Quelle. Wollen wir das nicht annehmen
oder suchen wir es vergeblich, blühen wir nicht auf. Welch ein trostloser
Zustand.
Dieses geistige Feld hat mit allen Menschen zu tun, die vor uns lebten.
Wenn wir über längere Zeit still sitzen, wie wir es z.B. an
den Zen-Samstagen tun, dort ganz zur Ruhe kommen und tief in dieses geistige
Feld eintauchen, dann wird es uns einmal gelingen, bis auf den Grund zu
stoßen und unsere schöpferische Urkraft wieder zu gewinnen.
Wir kommen dann an den Anfang zurück und verlassen alle Lebensereignisse,
die unserer Entfaltung im Wege stehen.
Wir leben in einer Familie. Die Befindlichkeit der einzelnen Mitglieder
ist uns ein bedeutsames Anliegen. Es ist uns möglich, auf dem Weg
zur Freilegung der Urkraft die Menschen, die wir lieben, mit zu nehmen.
Wenn wir uns an einem solchen Tag in dieser Weise verhalten, wird uns
bewußt, dass wir für unsere Lieben kaum mehr tun können,
als in diese Tiefe einzutauchen.
Wie kommen wir von einem solchen Übungstag nach Hause?
Wir beklagen nichts mehr in unserem Leben und in der Welt. Alles ist
folgerichtig und so haben wir auch keinen anzuklagen. Wir werden in einer
Weise beschenkt, die uns Kraft gibt, dem Leben zu dienen.
Mit freundlichem Gruß
Klaus
Monatsbrief September 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Es gibt eine Art zu leben, in der der Mensch zwischen Nehmen
und Ablehnen durch das Leben schwankt. Gibt es überhaupt eine Wahl-möglichkeit
oder verläuft das Leben ohne Wahl?
Das Leben ist da und ist ohne Wahl.
Dennoch, unser Ego meint, wählen zu können. Das
Ego kann denken, erleben, kann in der Vergangenheit weilen, die Gegenwart
wahrnehmen und sich die Zukunft ausmalen. Das Ego hat seinen Platz im
Leben. Dieser Platz hat Bedeutung. Das heutige, tägliche Leben kann
nicht existieren ohne die Funktion des Ego. Eine Lebensordnung und Kultur
käme nicht zustande.
Kann das Ego aus sich existieren, oder ist das Ego die Folge
von etwas, welches ihm die Möglichkeit seiner Existenz gibt?
Die Frage ist bedeutsam.
Das Ego kann existent sein, weil das Leben selbst durch
die körperliche Existenz dem Ego die Möglichkeit dazu gibt.
Das Ego ist eine abhängige Existenz, abhängig von etwas Größerem.
Das Ego trägt meinen Namen. Es hat ein Schicksal. Es hat Abhängigkeiten.
Es kommt mit der Geburt und hat sein Ende im Tod.
Und wo ist das Größere?
In der Geburt setzt sich das Lebendige fort, welches durch Mutter und
Vater da ist. Das Lebendige setzt sich durch Kinder fort. Das Lebendige
in der Form der menschlichen Gestalt kommt aus der nicht erfassbaren Zeit
durch unsere Eltern und endet nicht mit unserem Tod. Der Fluss des Lebens
hat seine Quelle weit vor uns und fließt weiter über uns hinaus.
Das Lebendige ist nicht auf die menschliche Existenz beschränkt.
Überall um uns herum ist Leben, Pflanzen, Tiere, Erde, Sonne, Mond
und das ganze Weltall. Das Ego hat seine zeitliche Begrenzung, es hat
mein Alter und ist auf meine Person ausgerichtet. Die menschliche Existenz
ist zeitlos, während das Ego zeitlich von Geburt und Tod bestimmt
ist. Das Ego ist abhängig und hat keinen eigenen Bestand.
Hier beginnt etwas, was aus dieser Eigenart resultiert.
Das Ego hat eine Art entwickelt, welches auf Abwege führt. Es meint,
eine eigene Existenz zu haben. Bleibt das Ego mit seinem Wirken gesammelt
im großen Sein, ist es ruhig und sicher. Mit der Entfernung wächst
Unruhe und Unsicherheit. Es entsteht Hass, Neid und Not. Ich kann das
Ego mit einer Hand vergleichen. Sie kann für das Leben Gutes tun
und kann auch dem Leben Schaden zufügen.
Das Ego ist versucht, dem eigentlichen, unverrückbaren
Leben sein Maß zu geben, dann ist es vermessen.
Das Ego missachtet die Eigenart des lebendigen Lebens, dann ist es überheblich.
Das Ego scheut die Wahrheit des Lebens und verkleidet sich mit Scheinbaren,
dann ist es stolz.
Das Ego scheut das Eingeständnis, auf einem Abweg zu sein, macht
andere verantwortlich und wird dadurch schuldig.
Wie kann ein Mensch zur Einsicht kommen?
Die Lebendigkeit des Lebens zeigt sich in meiner Gestalt. Dort liegt die
Lösung. Um die Funktion des Ego zur Ruhe zu bringen, setze ich mich
an einen geschützten Platz. Das Denken lasse ich zur Ruhe kommen.
Der Körper sitzt und ich empfinde das Aus- und Einfließen des
Atems.
Das gelingt nicht so ohne weiteres. Die Unruhe dominiert
und das lange Sitzen fällt schwer. Aber eines Tages wird es ruhig
und klar in mir. Alle Vorstellungen, Wünsche, Gedanken und Bilder
haben sich aufgelöst. Was da ist, ist das Sitzen und das Atmen. Der
Körper mit seiner inneren, aufrichtenden Haltung wird ganz lebendig.
Das Sitzen erfolgt aus sich selbst und die Schwere geht verloren. Ich
unternehme von mir aus nichts. Die ungestörte Anwesenheit der Lebendigkeit
ist als Leere da. Alles andere ist verloren gegangen. Die Form meines
Körpers gestaltet sich in der Leere. Hier ist die Quelle des Seins.
Sie erschließt sich nicht meinem Verstand.
Ich lebe so, ohne die Mitwirkung der Egofunktion. Es zeigt
sich, das Leben hat eine eigene Quelle. Aus dieser Quelle formt sich das
Leben, formt sich alles, was lebt. Das Leben bleibt mir unbekannt. Mein
Ego erwacht zu einem neuen Leben. In mir ist die geistige Kraft der Achtsamkeit
erwacht.
Ich kann schauen. Die Funktion des Ego ist dann nicht mehr unbewusst.
Ich kann sie durchschauen.
Meine Schilderung zeigt den Verlauf der Zenmeditation und
ihre Frucht.
Was zum Vorschein kommt:
Der Mensch ist ein geistiges Wesen mit allem, was er ist.
Wenn er so in sich erwacht, schwankt er nicht mehr zwischen Annehmen und
Ablehnen durch sein Leben.
Wenn wir aufwachen,
ist er schon da.
Wenn wir ihn rufen,
hören wir das Echo.
Wenn wir ihn suchen,
finden wir nichts.
Wenn wir nichts finden,
ist Er das Nichts, kein Bild, kein Wort.
Im Nichts liegt die Auferstehung und das Leben
und alles ruht in Ihm.
Mit freundlichem Gruß Klaus
Monatsbrief Juli 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Mit dem Leben, was wir sind, ist etwas Wahres, etwas Richtiges
ver-bunden. Wir befinden uns in diesem Wahren und Richtigen.
Wir leben.
Das Wahre und Richtige gibt in sich Frieden, Lebenskraft und die Empfind-ung,
am Ziel zu sein. Haben wir wirklich die Empfindung, am Ziel zu sein, oder
suchen wir immer noch, weil sich Endgültiges nicht eingestellt hat?
Wir sind zwar die Wahrheit und das Richtige, aber wir schauen
irgendwo anders hin und lassen das vorhandene, wirkliche Leben im Dunkeln
liegen. Das Wahre und Richtige ist immer da. Es zeigt sich in allem, so
wie es ist. Wir sind es, so wie wir sind. Wenn wir es sind, brauchen wir
es nicht anzustreben und zu erdenken. Warum denn wenden wir uns ab?
Wir möchten vor den Menschen leben und vor dem, was
sie erdenken. Wir haben Furcht, im Wirklichen allein gelassen zu werden
und meiden das Wahre und Richtige. Dabei ist es unabwendbar stets wirkend
da.
Wir sind innerlich festgelegt auf Erdachtes, also auf Unwirkliches.
Was wir erdenken und wünschen, müssen wir innerlich uns eingestehen
und gehen lassen, damit das Wirkliche und Wahre zur Geltung kommen kann.
Wir suchen uns zu verwirklichen und meinen damit das Egodasein. Das, was
uns ständig gestaltet und Kraft gibt, also das Leben selbst, ist
nicht zu erdenken. Es ist die Kraft des Lebens selbst. Diese sind wir
schon immer, sonst lebten wir nicht.
Alles Denken und Wünschen aufzugeben und in der Gegenwart
des sich gegebenen Lebens ganz da zu sein, ist volles Leben. Das ist das
Wahre und Richtige. Hat das was mit Gott zu tun?
Das Leben, was schon immer da ist, solange es Leben gibt, unabhängig
von der jeweils lebenden Person, das Leben aller Generationen, aller Orte
und Zeiten, ist freies göttliches Leben. Es ist frei von der Person,
von Ort und Zeit. Wie könnte es sonst alles hervorbringen, was jemals
gelebt hat.
In dieser göttlichen, stetigen Anwesenheit vollzieht sich alles,
was geboren und alles, was wieder zurück genommen wird. Du selbst
bist dieses freie Leben – frei von Geburt und Tod – und zur
gleichen Zeit Geburt und Tod.
So zu leben, ist vollständiges Leben, leben in Harmonie mit dem Wirklichen
und Wahren, voller Kraft und Lebensfreude.
Was liegt in dem Widersprüchlichen, im Zeitverlauf
und gleichzeitig zeitlos zu sein?
Das zeitliche Leben wird zur Hölle, wenn ich daran
gebunden bin, dieses Leben wird wundervoll, wenn ich es aus der Haltung
der Ungebundenheit und Zeitlosigkeit erlebe.
| Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge |
|
Und das sind Wünsche: leise Dialoge |
| und keine Heimat haben in der Zeit |
|
täglicher Stunden mit der Ewigkeit. |
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Rainer Maria Rilke |
Monatsbrief April 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Diesen Brief schreibe ich in Anbetracht des Geburtstages meiner Frau
Hildegard, die im Mai 75 Jahre alt wird.
Dadurch, dass sie Großmutter ist, gibt es nicht nur 3 Söhne
sondern auch 3 Schwiegertöchter und hieraus ergeben sich 8 Enkel-kinder.
Alle Namen wurden von mir im Einladungsschreiben genannt. Da jeder, so
will es die Natur, untrennbar dazu gehört, ist es ein Fest des anwesenden
Lebens in der Gestalt aller genannten Menschen und der Menschen, die außerdem
zu diesem Fest eingeladen sind. Ganz besonders ist es ein Fest der anwesenden
Mütter.
Das Leben in seinem Lebensdurst macht eine Frau zur Mutter. Nicht sie
wird Mutter, das Lebendige des Lebens setzt sich in ihr fort, von weit
her kommend. Dadurch das die vielen unzähligen Vorfahren zur Mutterschaft
bereit waren, konnte sie, weil sie so gestaltet ist, weiter geben, was
sie schon war, das lebendige Leben. Die Mutterschaft ist erst in zweiter
Linie durch eine Person gestaltet, in erster Linie ist sie die Urmutter,
die in allen Müttern waltend, das eine Leben erhält. Sie trägt
das Leben mit ihrem Körper aus, bringt es zur Welt und sorgt für
alles, was zum Heranwachsen des Kindes notwendig ist. Ihre Hand ist die
mütterliche Hand. Sie bewegt sich von einer Kraft und Richtung gelenkt,
die das Gedeihen des Lebens in natürlicher Weise zum Ziel hat. Sie
ist von Natur aus das dem Leben dienende Wesen. Ein Leben lang schaut
sie mit ihrem Herzen dorthin, wo das Leben weiter fließt, auf die
Menschen, die über sie hinaus im Sein lebendig sind. Sie überlässt
sie, wie könnte sie auch anders, ihrem Schicksal. Als Großmutter
hat sie erfahren, wie die Quelle eines Flusses, dass sie nicht wissen
kann, wie das Leben weiter fließt. So lässt sie es fließen.
Die Einflüsse sind so stark und die Einwirkung anderer Kulturen so
bedeutsam, dass ihr vieles im weiterem Verlauf des Lebens fremd ist. Sie
kann in ihrer Kultur leben, ihren Segen an Kinder und Kindeskinder geben
und sie dem Lebensstrom überlassen.
Ist das dann ein ungewisses Schicksal, wo es immer um Leben und Tod geht?
Es ist so. Aber eines ist ihr gewiss, wie bei einem Fluss, der ins weite
Meer fließt, ist jedes Leben die Weite des unendlichen Lebens in
der Hand Gottes.
Wie will sich ein Mensch in Anbetracht des Wunders des Lebens, welches
sich in der Mutterschaft zeigt, danken können? Wäre das gemäß?
Gemäß ist hier die große Achtung vor dem Leben, das wir
alle sind. Wenn wir uns lieben können, so, wie wir gestaltet sind,
dann lebt das Herz der Mutter auf. Ihre Mühe und Sorge wäre
dann nicht vergeblich, obgleich sie selbst keine Bedingung stellt.
Was ist nun mit den Männern? Sie können still mitfeiern, denn
die Mutter wird erst Mutter durch den Vater. So ist diese Feier ein einziges
Liebeslied des Lebens, in das wir alle einstimmen sollten. Das Leben ist
tief und weit. Wir sollten unsere abweichenden Vorstellungen aufgeben.
Es gibt Dichter, die sagen, das Lied des Lebens erscheint von Anbeginn
des Seins und der Chor des Lebendigen wird von einem Einzigen dirigiert,
es ist der liebende Gott des unendlichen Lebens.
Er hat selbst keine Gestalt, das Leben ist die Gestalt, in der Er lebt.
Gruß Klaus
Schläft ein Lied in allen
Dingen,
die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.
Eichendorff
Monatsbrief März 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Keiner zweifelt daran, dass ein Hase, wenn wir ihn sehen, wie er über
das Feld läuft, lebendig ist. Wie ist es nun, wenn ein Hase sich
in den Kopf setzt, er müsse Hase werden, weil er irgendwo gehört
hat, man müsse sich in einer bestimmten Weise entwickeln? Ich könnte
mir vorstellen, er würde steif und könnte nicht mehr frei laufen.
Wie ist es um uns bestellt? Wir werden durch unsere Mutter geboren. Die
Lebendigkeit der lebendigen Mutter lässt den lebendigen Fluss des
Lebens weiter fließen und wir werden mit unserem Leib in den Fluss des
Lebens gesetzt. Die Mutter kann es nicht von sich aus, sie ist dazu geworden
durch ihre Mutter und sie durch ihre Mutter. So ist der Mensch Bestandteil
des Lebensflusses, der weit, unendlich weit vor ihm beginnt und ihn genommen
hat. Dürfte jetzt jemand sagen, Du müsstest lebendig werden,
indem Du die Form des Menschen wählst? Du bist einfach das lebendige
Leben. Je mehr man von Dir verlangt, um so mehr wirst Du Dich von dem
Lebendigen entfernen. Mir sind Behinderte bekannt, die, weil sie immer
etwas suchen, was ihr Leben ausmachen könnte, nicht laufen können
und im Rollstuhl sitzen.
Wir Menschen haben im Sinn, uns zu verwirklichen und meinen damit, es
müsse neben dem, was natürlicher Weise da ist, noch etwas geben,
was besser ist als das Vorhandene. Wir möchten uns in Bekanntes verwirklichen
und planen unser zukünftiges Leben. Wir möchten im Bekannten
leben und scheuen uns, im Nichtwissen zu sein. Das, was ich in Wirklichkeit
bin, liegt im Nichtwissen.
Im Zen hat die Geschichte von Bodhidharma, der von Indien nach China
kam, Bedeutung. Kaiser Wu, der damalige Herrscher in China, fragte Bodhidharma:
" Was ist eigentlich das Leben,(der Buddhismus) was du praktizierst?".
Er bekam als Antwort: "Weite, nicht heilig." Kaiser Wu, damals ein bekannter
Wohltäter (und Heiliger) des Buddhismus, fragte weiter: "Wer bist
du?" "Ich weiß es nicht" war die Antwort.
Ich lasse das Wissen gehen und finde mich im Nichtwissen.
Zu unserem Beispiel mit dem Hasen. Der Hase weiß nichts vom Hasen - er
kann flüssig und geschwind laufen. Der Hase hat es gut. Das ‚dumme'
Tier kennt nichts anderes. Unser Verstand möchte wissen. Er jedoch
kann es nicht. Er ist begrenzt. Wissen kann es nur der, der jede Existenz
ist, der das ganze Universum aus sich gestaltet. Wir nennen es in unserer
Kultur Gott. Wenn wir uns aus dem Wissen (unseres Egos) lösen, werden
wir erfasst von dem, was schon immer da war, dem Göttlichen, welches
uns Gestalt gibt. Dann erfahren wir es.
Warum das Ganze?
Es geht darum, das zu sein, was wir sind, um das Leben selbst. "Ich bin
doch im Leben," könnte die Antwort sein. "Ja," wäre zu erwidern.
"Ist die Wirklichkeit des Lebens Dir in Wachheit gegenwärtig, oder
missachtest Du sie unbewusst, weil Du die Wahrheit von Leben und Tod fürchtest?"
Veranlasst durch eine Fehlentwicklung, bewegen wir uns lieber in Vorstellungen
und halten uns an Gegebenheiten, die die jeweilige Zeit hervorbringt.
Außerhalb meines wahren Selbst bin ich unruhig und nehme die Vorstellungen
als das Wahre. So entstehen die Konflikte in den Gemeinschaften. Keiner
möchte das Vorgestellte, es ist zu unserer Kultur, sogar zur religiösen
Kultur geworden, in Frage gestellt haben. Wir müssen erleben, wie
diese Konflikte blutig ausgetragen werden, z.B. zwischen den Religionen
der mohammedanischen und der christlichen Weltanschauung. Jeder hält
seine für die einzig Richtige und hält Gewaltanwendung für
gerechtfertigt. Im Kleinen findet es überall statt.
Die Not des Einzelnen und der Gemeinschaften drängt zu einer Weiterentwicklung
des Bewusstseins.
Nicht wir wählen sie. Sie erfolgt als geistige Strömung, die
uns mitnimmt. Unsere Aufgabe liegt darin, uns ihr zu stellen. Wenn wir
uns von den einengenden Vorstellungen innerhalb der Kulturen trennen und
die Wahrheit und Richtigkeit des Wirkenden Lebens zulassen, nimmt uns
der Raum des Wesentlichen in Besitz. In diesem Raum gilt nur eines, das
reine, klare, menschliche Sein ohne Unterschied zwischen den Menschen.
Der Friede, den wir so mühsam anstreben, manchmal durch Kriege, wird
hier nicht mehr gewählt. Dieser geistige Raum ist der Friede selbst.
Friede ist zur gleichen Zeit Lebenskraft und Lebensfreude.Dieses ist zur
gleichen Zeit die Einheit mit dem Göttlichen.
Mit herzlichen Gruß Klaus
Wenn wir aufwachen,
ist Es schon da.
Wenn wir Es rufen,
hören wir das Echo.
Wenn wir Es suchen,
finden wir nichts.
Wenn wir nichts finden,
ist Es das Nichts,
kein Bild, kein Wort.
Im Nichts liegt die>
Auferstehung und
das Leben
und alles ruht im
Göttlichen.
Monatsbrief Februar 2006
Liebe Freundinnen und Freunde!
Von Rumi, einem arabischen Mystiker und Dichter (um 1250), stammt der
Ausspruch: „Nicht nur der Durstige sucht die Quelle, sonder die
Quelle sucht auch den Durstigen.“ Wenn sich der Mensch dieser Quelle
nähert - gemeint ist die Quelle des Lebens (so Rumi) - dann vernimmt
er die Anrede Gottes: „Sei!“ und weiter sagt Rumi: „Er
ruft Dich aus dem Nichtsein ins Leben!“ (Aus dem Buch von Annemarie
Schimmel: Rumi – Ich bin Wind und Du bist Feuer).
Wir werden ständig durch Gott aus dem Nichtsein zum Sein gerufen.
Unsere Gestalt, alles, was wir zeigen, Ruhe und Bewegung sind die Gestaltwerdung
Gottes. In dieser Anwesenheit Gottes liegt etwas Vollständiges, etwas,
was in sich nach nichts Weiterem sucht, es ist absolut, klar und ohne
Makel.
Sind wir das wirklich, das Wesen Gottes in unserer Gestalt? Wir haben
die Eigenart, diese Wirklichkeit durch Wünsche und Vorstellungen
zu überdecken und können Gottes Anwesenheit in unserer Gestalt
nicht erleben. Wir wenden uns von dem ab, was wirkend anwesend ist. Wäre
es nicht, so lebten wir nicht.
Durstig sein heißt, mir fehlt, was mich ausmacht, das Wasser.
Wer verdurstet, stirbt. Hier geht es nicht um Wasser, hier geht es um
die Quelle des lebendigen Lebens, die Quelle, die unser Leben speist.
Sie ist Quelle und Gestalt zugleich. Sie ist in dem, was sich unserem
natürlichen Auge zeigt. Es ist die gesamte Natur, das weite Universum
und die Materie insgesamt. Wenn ich die Quelle mit Geist bezeichne, so
ist alles Geist. Geist ist meine Gestalt und auch mein Verhalten. Geist
ist ohne Lücke, allumfassend, so auch, was wir mit Sünde bezeichnen
und alles Schlimme, was wir in dieser Welt wahrnehmen.
Ich möchte das Verhalten des Menschen auf zwei Grundausrichtungen
zurückführen: Liebe und Hass. Das eine bejaht und das andere
verneint. Die Liebe bejaht Geburt und Tod und die Zeit des Lebens, der
Hass lässt das, was unabänderlich das Leben ausmacht außer
acht und stellt an seine Stelle Wünsche und Bestrebungen nach anderem.
Hass wirkt als Gift, macht traurig, erzeugt den Hang nach Surrogaten und
Krankheiten. Diese Auswirkungen weisen darauf hin, Du hast Dich verirrt.
Diese Verirrung ist nicht der Untergang des Lebens, sondern der Ruf und
die Türe zu einer konstruktiven Ausrichtung. Im Hass liegt die Liebe.
Jedoch liegt der Hass nicht außerhalb von mir, er ist mein Bewusstsein.
Darin liegen der Durst und der Weg zur Quelle unseres Sein. Liebe und
Hass gehören zu unserer Natur.
Um auf beide eingehen zu können, müssen wir in uns eine geistige
Wachheit zulassen. Sie ist wie ein unabhängiger Beobachter. Er ist
rein und frei von Hass und Liebe. Er lässt die Regungen, die im Egobewusstsein
zu Hause sind, absinken in das göttliche Nichts. Der menschliche
Verstand hat hier keine Aufgabe, die Wandlung zur Vollständigkeit
ist die Bewegung des göttlichen Geistes. Meine Aufgabe liegt darin,
zuzulassen, was sich wandeln will. Ich darf hassen, damit daraus die Blume
der Liebe blüht.
Das Schlimme drängt aus sich dorthin, wo es die Empfindung, hoffnungslos
in Gefangenschaft geraten zu sein, in befreiende Weite umsetzt.
Auf Grund meiner eigenen Erfahrung möchte ich helfen, dass Menschen,
die in Not sind, diesen Weg finden. Ein Mensch, der die Grenze des Egobewusstseins
überschreitet und sich aufgibt, findet das weite Land der Zeit- und
Raumlosigkeit. Er ist befreit von der Bindung an die Vergänglichkeit.
Das angstvolle Dasein hat ein Ende, der Körper verliert jeglichen
Druck, entspannt und alle Poren öffnen sich. Der Atem kommt von weit
her und fließt ins Weite.
Auf dem Weg dorthin hilft die Übung des Zazen. Im stillen und ausdauernden
Sitzen klärt sich die Lebenshaltung des Menschen und er wird wesentlich.
Gruß Klaus
SCHLÄFT EIN LIED IN ALLEN DINGEN,
DIE DA TRÄUMEN FORT UND FORT,
UND DIE WELT HEBT AN ZU SINGEN,
TRIFFST DU NUR DAS ZAUBERWORT.
Eichendorf
Monatsbrief Januar 2006
Liebe Freundinnen und Freunde auf dem Weg !
Wodurch entstehen Schwierigkeiten im Leben?
Gibt es da einen triftigen Grund?
Wir dürfen davon ausgehen, dass mit dem Leben etwas Wahres und Richtiges
verbunden ist. Wenn wir im Wahren und Richtigen mit unserm Bewusstsein
leben, so können wir folgern, dann ist Harmonie da. Wir können
dann einander lieben. Die Schwierigkeit im Leben und die fehlende Harmonie
sind darin zu finden, dass wir unsere Wahrheit und Richtigkeit nicht zeigen
dürfen, weil die Menschengruppe, in der wir leben, die Wahrheit des
Seins nur schwer zu akzeptieren in der Lage ist. Wir sind etwas, was im
Dunkel des Unbewussten zurück bleiben muss. Der Mensch wird durch
die Verhältnisse, die ihn umgeben, daran gehindert, so zu sein, wie
er wirklich ist. Wir sind veranlasst, an Stelle der Wirklichkeit mit etwas
in Erscheinung zu treten, was unserm wahren Wesen nicht entspricht. Die
Wahrheit ergibt sich aus einem natürlichen Grund und wirkt unser
Leben. Das Vorgegebene ist Produkt von Leistung. Die Religionen, Christentum
und Islam und auch andere, haben den Auftrag, den Menschen mit seinem
wahren Grund in Einklang zu bringen. Doch sie schildern das Leben als
sünd- und lasterhaft und wollen es über das Bild eines richtenden
Gottes und der Drohung mit Hölle und Strafen in Ordnung bringen.
Wer könnte da noch Vertrauen zu seinem Menschsein, zu seinem Grund
haben und zudem, wo es unweigerlich hinführt, nämlich zum Tod.
So steht fast immer hinter den Konflikten die Not, seine Bindung und Wertung
im Vordergründigen zu verlieren, weil dahinter das Ungewisse drohend
steht. Dadurch hassen die Menschen.
Die Lösung liegt darin, das vernachlässigte Unbekannte aus
dem Dunkel des Unbewussten ans Licht des Bewussten zu bringen. Wir sind
dann in der Lage, selbst, vielleicht mit Hilfe anderer, diese verhängnisvolle
Vorstellungskonstruktion zu entlarven und wieder in unsere Wirklichkeit
mit seinem göttlichen Urgrund zurück zu finden. Da ist unsere
wahre Heimat, dort kommen wir zur Ruhe, dann können wir wieder lieben.
Wie können wir das tun?
Der Vorgang liegt in unserer geheimnisvollen Innenseite, zu der unser
Verstand keinen Zugang hat. Wir müssen also lernen, in Ruhephasen
unserer inneren Seite Geltung zu verschaffen.
Die innere Seite ist ein personales Bewusstsein, ein kollektives, durch
das wir mit der Umwelt in Verbindung stehen und das Wesen unseres Urgrundes.
Weil wir diesen Urgrund mit unserm Verstand nicht erfassen können,
wir jedoch durch diesen Urgrund lebendig da sind, nennen wir diesen den
absoluten oder göttlichen Urgrund.
Solange wir diesen Urgrund nicht gefunden haben, bleiben wir unruhig
und Suchende. Mit der Unruhe und dem Suchen sind die Konflikte verbunden,
die sich zwischen den Menschen ergeben. In den Konflikten zeigt sich,
dass wir unseren Urgrund nicht gefunden haben. Wenn wir also die Konflikte
nehmen als unsere Konflikte, so liegt darin der Weg zur Heilung und zur
Erreichung der endgültigen Lösung. Wir finden dann unser göttliches
Wesen, welches frei ist von allen Vorstellungen und Wünschen. Es
zeigt sich als Leerheit. Der Mensch, der seine Leerheit findet, gründet
in seiner entscheidenden, letzt gültigen Wirklichkeit und findet
Ruhe in Gott. Es ist nicht der Gott, wie ihn die Kirchen lehren, es ist
der Gott, der Dich liebt, so, wie Du bist, ganz umfassend.
Meister Eckhart sagt: „Manche einfältigen Leute wähnen,
sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist
nicht so. Gott und ich, wir sind Eins.“ An einer anderen Stelle
sagt er: „Gott braucht Dich, um zu leben.“
Und so braucht er auch Deine Konflikte, Deine Hilflosigkeit und Not,
damit Du heimfindest in Deinen Urgrund, damit Du dort die Wahrheit und
das Richtige Deines Lebens findest.
Heute gibt es in der medizinischen Wissenschaft Ärzte, die die
Krankheiten mit der inneren Haltung des Menschen in Verbindung bringen.
Der Organismus, der Träger des Lebens ist, schwächt sich, so
fern er sich von der Quelle des Lebens und seinem Energiestrom entfernt.
Eine Gesundung ist der Weg zu meinem eigenen Grund. Die Heilung liegt
also darin, weder den Konflikten noch den Krankheiten aus dem Weg zu gehen.
Der Energiefluss vermindert sich, wenn ich anderen die Schuld zuschiebe.
Gibt es da einen praktischen Weg? Wir sind in unserem Körper das
Eine stetig lebendige, was seit undenklicher Vorzeit waltend da ist. Es
setzt sich in unsern Kindern und Kindeskindern fort und waltet ohne Anfang
und Ende. Es ist etwas Ruhendes und Schöpferisches in der Form der
menschlichen Gestalt. Sehen wir ab von dem Vordergründigen einer
Mutter und lieben in ihr das Muttersein, sehen wir also ab von dem Vordergründigem
einer Großmutter und lieben in ihr das Muttersein und gehen so weiter,
dann empfinden wir uns als Lebensfluss in der gegenwärtigen Form
und Zeit.
Wir sind dann das zeitlos Bleibende im ständigem Vergehen.
Wir leben dann unser wirkliches, unverfälschtes Leben, sind ganz
da und wach. Die Welt und die Menschen dürfen so sein wie sie sind.
Ich bin dann in meiner konstruktiven Art bereit, in der Not anderen zu
helfen.
Gruß Klaus
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